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aus: BLJA Mitteilungsblatt 6/1998
Familie im Mittelpunkt (FiM)


Über die Wahrnehmung der verfassungsmäßig verbrieften elterlichen Erziehungsverantwortung wacht die staatliche Gemeinschaft. Es ist erfahrungsgemäß aber schwierig, Risiken einzuschätzen und Vorhersagen zur Gefährdung eines Kindes zu treffen, wenn es in der Familie bleibt. Und die Trennung des Kindes von der Familie und seine "Fremdunterbringung" bergen ebenso Risiken und Nebenwirkungen in sich, die unter Kindeswohl-Gesichtspunkten oftmals als zweitbeste Lösung gelten müssen. Um die Familie zu erhalten und gleichzeitig das Kind zu schützen, wird intensiv über Konzepte eines effektiven Krisenmanagements nachgedacht. Das Bundesministerium für Familie unterstützt mehrere Modellprojekte.

"Familie im Mittelpunkt" (FiM) ist ein solches Programm zur Krisenintervention in Familien, das ursprünglich in den USA unter den Namen "Homebuilding" und "Families First" entwickelt wurde. Gerd Gehrmann und Klaus D. Müller haben in der Reihe "Praxis sozialer Arbeit" 1998 unter dem Titel "Familie im Mittelpunkt" (Walhalla und Praetoria Verlag, Regensburg/Bonn, DM 59,-) eine 320 Seiten starke Publikation herausgegeben, die den deutschen Leserkreis in Theorie und Handlungskonzepte einführt.

Das umfassende Handbuch gewährt für Interessierte Einblick in die Arbeit, zielt aber in erster Linie darauf ab, sozialpädagogische Fachkräfte in der Fort- und Weiterbildung zum Umgang mit dem Programm zu unterstützen. In diesem Zusammenhang wird von den Autoren ausdrücklich darauf hingewiesen, daß eine fundierte Ausbildung zum "FiM"-Mitarbeiter dadurch nicht ersetzt werden kann.

Der Handlungsrahmen geht von der Erkenntnis aus, dass Fremdplazierung selten die bessere Alternative für Kinder und Eltern ist.

"FiM" wird vor allem in Familien eingesetzt, die von einer Trennung des Kindes von seiner Familie bedroht sind. Familien in Krisen wollen sich verändern, was als Chance für die Motivation zur Mitarbeit und Erhaltung der Familie genutzt wird.

Zur Zielgruppe gehören überwiegend Familien der sozialen Unterschicht. Verbale Kommunikationskompetenz wird nicht zwangsläufig vorausgesetzt. Die Hilfe wird vor Ort - also in der Wohnung und dem sozialen Umfeld der Familie - geleistet. Ausschlusskriterium ist vor allem eine aktuelle Gefährdung für Leib und Leben des Kindes.

Zum "FiM"-Team gehören 3-5 Fachkräfte, die maximal bis zu 10 Familien betreuen. Der erste Kontakt mit der Familie findet innerhalb von 24 Stunden nach Bekanntwerden der Krise statt. Der Einsatz in der Familie ist auf 4 Wochen, in Ausnahmefällen auf 6 Wochen begrenzt. In dieser Zeit steht die Fachkraft der Familie rund um die Uhr zur Verfügung.

Voraussetzung für die Durchführung des Programms ist die Akzeptanz durch die Familie, die der Fachkraft einen "Auftrag" erteilt und damit ihre Bereitschaft zur Mitarbeit signalisiert. Für jede Familie wird ein individuelles, an den Stärken der Familie orientiertes Programm erstellt. Die Ziele werden mit der Familie gemeinsam geplant und müssen erreichbar, zeitbegrenzt und auf die Risikofaktoren bezogen sein. Am Ende der Maßnahme steht eine Auswertungskonferenz mit allen Beteiligten, wo - wenn nötig - weitere Dienstleistungen festgelegt werden.

Wichtig ist eine die Familie respektierende Grundhaltung der Sozialpädagoginnen und -pädagogen. Die Menschenwürde jedes einzelnen Familienmitglieds ist in jedem Fall zu achten, gleichgültig wie groß sich das vorhandene Konfliktpotential darstellt. Die Fachkraft muss der Familie Hoffnung vermitteln, um die vorhandenen Ressourcen zur Konfliktbewältigung zu aktivieren. Sie stellt sich der Familie als unparteiischer, sensibler Helfer und Unterstützer, Kommunikator und Moderator zur Verfügung. Die Anerkennung der Vielfalt von Lebensstilen setzt voraus, dass eigene Vorstellungen von "Familie" reflektiert und kontrolliert werden. Der "FiM"-Mitarbeiter verfügen über ein gutes Repertoire an Methoden, Techniken, Kompetenzen und sind Experten im Erkennen von Stärken, Interaktionen und Unterstützungssystemen der Familie.

Die theoretischen und konzeptionellen Grundlagen des Programms "Familie im Mittelpunkt" beziehen sich auf eine ganze Menge unterschiedlicher Theorieansätze. "FiM" klaubt sich sozusagen brauchbare theoretische und konzeptionelle Begründungen aus verschiedenen Richtungen wie z. B. der Verhaltenstheorie, der Rational-Emotiven-Therapie, dem Kompetenzmodell, der personenzentrierten Gesprächsführung - um nur einige zu nennen - zusammen, unbeschadet des fachlichen Urteils über eklektische Handlungskonzepte. Was zählt, ist der Erfolg des Programms.

Unabhängig davon, aus welcher Theorie welche Grundlagen resultieren, sind an dieser Stelle einige zentrale Aussagen, die für den Aufbau des "FiM-Programms" wesentlich sind, zu erwähnen. Ein Schwerpunkt liegt in der deutlichen Trennung von Therapie und Sozialarbeit. Sozialarbeit hat im Sinne der sozialräumlichen Perspektive die Familie immer auch in ihrer sozialen Umgebung wahrzunehmen. Die Problemlage wird im wesentlichen bestimmt durch kritische Interaktionsprozesse mit der sozialen Umgebung. Sozialarbeiter leisten im "FiM"-Programm keinerlei Therapie. Sie beeinflussen das Verhalten von Individuen und Gruppen in ihren sozialen Handlungsräumen und helfen Familien, ihr Selbsthilfepotential selbst zu entwickeln. Dabei berücksichtigen sie materielle und gesellschaftliche Bedingungen. "FiM" bezeichnet sich als integrierte Dienstleistung, die ganzheitlich, auch materiell und netzwerkorientiert angeboten wird. Die Evaluation geschieht derzeit in der Modellphase durch wissenschaftliche Begleitung vor Ort.

Die Umsetzung des Programms in die Praxis der Jugendhilfe in der BRD beginnt gerade und sieht sich mit nicht wenigen Vorbehalten konfrontiert. Ein "FiM"-Dienst benötigt ein Einzugsgebiet von ca. einer Million Einwohnern, um ausgelastet zu arbeiten, was für eine Großstadt kein Problem darstellt. Für ländlich strukturierte Gebiete bedeutet es die Notwendigkeit von Kooperation über Zuständigkeitsgrenzen hinaus. Als Träger kommen sowohl kommunale wie freie Träger der Jugendhilfe in Frage. Auftraggeber ist in jedem Fall das Jugendamt (der ASD), dem die Gesamtverantwortung für die Hilfe verbleibt und das den Hilfeplan für die Familie erstellt. Der "FiM"-Dienst entscheidet, ob er die Familie übernimmt und wie die Hilfe im Einzelfall ausgestaltet wird. Eine intensive und gute Zusammenarbeit zwischen den beteiligten sozialen Diensten wird für das Gelingen entscheidend sein.

Grundsätzlich kann "FiM" als intensives Kriseninterventionsprogramm für Familien eine bedenkenswerte Variante der Hilfen zur Erziehung sein. Es kann nicht um eine neue institutionelle Lösung lebensweltlicher Probleme von Familien gehen, sondern um eine flexible, am einzelnen Bedarf enggeführte Interventionsform, die konzeptionell näher an moderner Bezirkssozialarbeit oder Erziehungsberatung liegt als etwa an der Heimerziehung.

Die gesetzliche Grundlage und damit die Verortung im SGB VIII wird von den Autoren zwar nicht explizit erwähnt, sie kann nach unserem Verständnis aber nur in § 31 SGB VIII - Sozialpädaogische Familienhilfe - zu finden sein. Die schnelle Einsetzbarkeit von "FiM" und die Befristung der Hilfe auf 4-6 Wochen, verbunden mit einer "Rundumbetreuung" der Familie, unterscheiden "FiM" auf den ersten Blick von Sozialpädagogischer Familienhilfe. Bemerkenswert ist auch die fachliche Einbindung und Begleitung der "FiM"-Mitarbeiter im Team.

Kritisch zu bewerten ist der Tenor des Buches, die Professionalität "herkömmlicher" Sozialarbeit in Frage zu stellen und ihr einen Hang zur Pflege von Dauerklienten zu unterstellen. Eine solche Haltung ist nicht geeignet, einen partnerschaftlichen Verbund mit den sozialpädagogischen Fachkräften herzustellen, die Dienstleistungen im Rahmen des KJHG anbieten. So neu und anders sind die Werthaltungen und Charakteristika, die "FiM" für sich in Anspruch nimmt, nicht. Das gesamte KJHG ist darauf ausgerichtet, die Selbsthilfekräfte von Familien zu mobilisieren und zu stärken.

So gesehen, hätten es die beiden Frankfurter Fachhochschulprofessoren nicht nötig, ihr Curriculum gegen zweifellos modernisierungs- und flexibilisierungsbedürftige Handlungskonzepte von Krisenintervention und Erziehungshilfe zu profilieren. Wo sie doch selbst 106 Möglichkeiten, "sehr gut" zu sagen, zitieren (S. 236 f.) und feststellen: "Wir können schaden und helfen, wir müssen sorgfältig vorgehen" (S. 26).

(Zu einem Modellprojekt in Frankfurt/Main, das ihr intensives Kriseninterventionsprogramm explizit als besondere Art der Ausgestaltung von Sozialpädagogischer Familienhilfe versteht, bietet das Landesjugendamt eine Informationsveranstaltung im Fortbildungsprogramm 1999 an).

Inge Däxl  

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