aus: Mitteilungsblatt 1/03
Welche Filme brauchen Kinder?
Medientage München 2002
Das Landesjugendamt beteiligt sich seit 1994 mit einer Fachtagung an den Medientagen in München. Durch die Einbindung in einen mehrtägigen Kongress gelingt es, ein größeres Publikum für die Probleme des Jugendmedienschutzes zu interessieren und zu sensibilisieren. Die letztjährige Veranstaltung, die erneut viel Akzeptanz fand, stand unter dem Titel "Katzen, Krieger und die Kammer des Schreckens. Welche Filme brauchen Kinder?".
Kinder lieben Filme. Kino- und Fernsehhelden sind ihnen Vorbild und Orientierung. Dem Kinderfilm und seiner Bewertung unter pädagogischen und psychologischen Gesichtspunkten kommt deshalb große Bedeutung zu. Aus diesem Grund erachtet es das Landesjugendamt für wichtig, sich immer wieder fundiert mit den Inszenierungsstilen und Inhalten von Filmen, die von Kindern konsumiert werden, auseinander zu setzen.
Bei den Medientagen wurde diese Thematik anhand konkreter Beispiele aus aktuellen Kinofilmen aufgegriffen. Die Referentin zeigte sehr anschaulich wie die Entwicklung der Kinderfilme in den letzten Jahren verlaufen ist, welche Filme Kinder brauchen und welche Inhalte gefährden oder gar schädigen können. In der Diskussion mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern konnte das Thema dann weiter vertieft und Einzelaspekte diskutiert werden.
Mit Margret Albers, Geschäftsführerin der Stiftung "Goldener Spatz" Gera/Erfurt, gelang es, eine praxiserfahrene Spezialistin für dieses Thema zu gewinnen. In ihrem nachfolgend abgedruckten Vortrag werden die zentralen Aspekte für die fachliche Bewertung von Kinderfilmen aufgezeigt.
"Katzen, Krieger und die Kammer des Schreckens
Welche Filme brauchen Kinder?
Die Frage ‚Welche Filme brauchen Kinder?‘ mutet nur auf den ersten Blick simpel an. Denn: Um etwas über die Bedürfnisse von Kindern sagen zu können, muss man sich ein genaueres Bild von der Zielgruppe machen; ebenso ist es notwendig, das Filmangebot genauer unter die Lupe zu nehmen.
1. Was haben ein sechsjähriges Mädchen und ein elfjähriger Junge gemein?
Nicht viel — manchmal denkt man, sie befänden sich in unterschiedlichen Welten.
Um sich in einem Arbeitsschritt sowohl der Zielgruppe als auch ihren Mediengewohnheiten zu nähern, möchte ich einige interessante Ergebnisse aus der von Super RTL in Auftrag gegebenen und vom Transferzentrum Publizistik und Kommunikation, München, durchgeführten Studie ‚Kinderwelten 2002‘ vorstellen:
- Die Studie basiert auf 963 Doppelinterviews. Während die 6- bis 13-jährigen deutschsprachigen Kinder mündlich befragt wurden, gaben die jeweiligen Haupterzieher schriftlich Auskunft.
- Statt singuläre Präferenzen ohne Kontext zu analysieren, unternahm man den Versuch, die elterliche Rolle allgemein und im Umfeld der Mediennutzung deutlich zu machen. Ebenso galt es das kindliche Freizeitverhalten und Mediennutzung ganzheitlich zu verbinden.
- Vorurteilen wie ‚Die elektronischen Medien schaden der Gesundheit der Kinder und machen einsam.‘ oder ‚Das Fernsehen raubt den Kindern die Kreativität und fördert die Passivität.‘ wird entgegengestellt, dass es nach wie vor mehr aktive als passive Kinder gibt. Ebenso ist zu beobachten: Je mehr Medien ein Kind nutzt, desto mehr unternimmt es auch draußen. Kritisch wird es erst bei den so genannten TV-Vielsehern, die drei Stunden und mehr täglich vor dem Fernsehapparat verbringen.
- Zeigt sich generell, dass Kinder zum größten Teil elektronische Medien ganz selbstverständlich in ihrem Alltag eingebaut haben, versucht die Studie im Besonderen, den verschiedenen Lebensgefühlen der Kinder auf die Spur zu kommen. Insgesamt werden sechs ‚Erlebnistypen‘ und ‚Welten‘ vorgestellt. Dabei handelt es sich freilich um Idealtypen, die jedoch ein brauchbares Instrumentarium bereitstellen, um die sehr heterogene Gruppe der 6- bis 13-Jährigen differenzierter zu betrachten:
‚Arrangierte Welt‘ --> unauffällige, angepasste Kinder (37 %)
‚Häusliche Welt‘ --> häusliche, genügsame Kinder (5 %)
‚Schwierige Welt‘ --> Einzelgänger ohne positives Lebensgefühl (5 %)
‚Fantasiewelt‘ ð selbstgenügsame Kinder (24 %)
‚Bunte weite Welt‘ --> ausgeglichene, vielseitige Kinder (24 %)
‚Gesellige Welt‘ --> gemeinschaftsorientierte Kinder (6 %)
(Vgl. Super RTL Studie ‚Kinderwelten 2002‘; S. 60 - 74; Anmerkung: Die Erlebnistypen verteilen sich über alle Altersgruppen.)
Wenngleich sich die nähere Charakterisierung der ‚Schwierigen Welt‘ und seiner Bewohner (die übrigens nicht durch übermäßige Mediennutzung auffallen) überaus gruselig liest — ‚Diesen Kindern fehlt die eigene Welt. Sie haben keine Freunde und so etwas wie ein positives Lebensgefühl ist ihnen eher fremd.‘ (Kinderwelten 2002; S. 67) — zeigt die Studie auf vielfältige Weise, dass Kinder in ihrem Alltag im Großen und Ganzen gut mit dem vielfältigen medialen Angebot, das ihnen gemacht wird, klarkommen. Darüber hinaus verweisen die Charakterisierungen der Welten darauf, dass es für die Kinder sehr wichtig ist, sich in ihren Welten sicher, wohl und aufgehoben zu fühlen.
Der Teil der Studie, der den Eltern gewidmet ist, wirft jedoch die Frage auf, inwiefern die Eltern dem Streben der Jüngsten nach Sicherheit entsprechen können und ob sie mit ihrer Elternrolle klarkommen.
Auf Grundlage der Elternbefragung wird eine Typologie nach Erziehungsmustern erstellt, die sich folgendermaßen gestaltet:

Somit haben fast ein Drittel der Eltern kein sonderlich intensives Verhältnis zu ihrem Nachwuchs und mischen sich wenig in deren Alltag ein. Kinder ‚distanzierter Eltern‘ bleiben oftmals sich selbst überlassen. Ebenso macht die Studie deutlich, dass die Eltern oft zerrissen sind zwischen ihren eigenen Ansprüchen an ihr Elternsein und die Realisierbarkeit im Alltag.
Dies und die Erkenntnis, dass die Entwicklung von Medienkompetenz abhängig von der elterlichen Einstellung zu Medien generell ist, zeugt wiederum davon, dass weniger die Kinder als die Erwachsenen ein Problem sind.
Für die hier zu behandelnde Frage ‚Welche Filme brauchen Kinder?‘ bedeuten die Ergebnisse:
- Die Rezeption von Filmen ist Bestandteil der Alltagswelt von Kindern. Wie Filme bei Kindern wirken und wie sie diese konkret nutzen — zur Unterhaltung, zur Orientierung, Zerstreuung, Bekämpfung von Langeweile etc. — ist stark abhängig von ihren Lebensumständen, die wiederum sehr divers sind. Dies macht die Bewertung von Filmen nicht einfacher, denn wem ist man mehr verpflichtet: den 5 % der Kinder, die in einer ‚schwierigen Welt‘ leben oder den 95 % aus den anderen Welten?
- Für Kinder stellt das Gefühl der Sicherheit — sich in einer Welt aufgehoben zu fühlen und darin Bescheid zu wissen — ein hohes Gut dar.
- Die verschiedenen ‚Kindertypen‘ legen nahe, dass Kinder auch viele verschiedene Filme brauchen.
2. Gibt es den Rentnerfilm?
Mit dieser Frage wird deutlich, dass sich hinter der Bezeichnung ‚Kinderfilm‘ eigentlich eine Absurdität verbirgt: die Genrebezeichnung nach Altersgruppe. Die folgenden Beispiele zeugen von der Genrevielfalt, die innerhalb des so genannten Kinderfilms besteht.
2.1 Moderne Mythen
2.1.1 Star Wars: Episode I — Die Dunkle Bedrohung (USA 1999)
Es war einmal in einer fernen Galaxie... Hiermit begann 1977 der beispiellose Erfolg einer Weltraumsaga in sechs Teilen, die 2005 ihren Abschluss finden wird.
Strukturell ungewöhnlich ist der Erzählstil der Saga, denn zwischen 1977 und 1983 wurden die Teile II — VI erzählt und seit 1999 präsentiert man den noch ausstehenden Anfang der Geschichte.
Dramaturgisch wie emotional eine schwierige Aufgabe, denn der geneigte Zuschauer weiß bereits, dass der Knirps Anakin Skywalker später gemeinsam mit Amidala die Zwillinge Luke und Leia haben wird, der guten Seite den Rücken kehrt und zum Oberbösewicht Darth Vader wandelt. Also handelt es sich quasi um eine postmodern erzählte Entwicklungsgeschichte, deren Anfang nach dem Ende kommt.
Die wesentlichen Rollen, die die über mehrere Teile entwickelten politischen Intrigen und militärischen Schachzüge innehaben, die Pseudoreligion der Macht, der Kampf der Alten Republik bzw. Rebellion gegen das böse erstarkende Imperium und viele viele Kampfszenen machen Star Wars zu einer waschechten Space Opera, die sich in erster Linie nicht an Kinder richtet.
Nichtsdestotrotz macht der Einsatz von skurrilen Sidekicks, z. B. die Roboter R2-D2 und C-3PO sowie die rasanten, sehr technischen und unblutigen Raumschlachten, die Saga für Kinder sehr attraktiv. Dies galt für die Episoden III — VI und in besonderem Maße für Episode I.
Anhand dieses Films lassen sich eine Reihe geläufiger Missverständnisse aufzeigen.
Vor den Missverständnissen zum Inhalt: Episode I führt zunächst auf den Planeten Naboo, dessen Königin Padmé Amidala in arger Bedrängnis ist — ihr Planet wird von der Handelsföderation isoliert und es droht die Invasion. Beleg dafür, dass die Alte Republik schwach geworden ist. Dies macht sich Senator Palpatine zunutze, um die Macht an sich zu reißen. Im Hintergrund hält er alle Fäden in der Hand, um die Verzweiflung der Königin zu nutzen und selbst Kanzler zu werden. Mit Hilfe des alten Wissens der Sith — dunkle Jedi-Ritter, die vor langer Zeit schon einmal die Galaxie beherrschten — bildet er den Jäger Lord Darth Maul aus, um die Jedi-Ritter zu vernichten, die als einzige Institution für Frieden und Gerechtigkeit seinem Plan im Wege stehen. Die Jedi-Ritter tun ihr Möglichstes, um die Pläne zu vereiteln, aber können mit Verlusten lediglich einen Teilerfolg erzielen: Darth Maul wird getötet, Naboo behält die Unabhängigkeit. Aber Palpatines finstere Pläne werden nicht enthüllt und er zum Kanzler ernannt: Der Grundstein für das Imperium ist gelegt.
Dies ist die eine Geschichte, aber es gibt auch noch eine weitere: Die des kleinen Jungen Anakin Skywalker, den die Königin und ihre Jedi-Begleiter treffen, als sie auf ihrem Weg nach Coruscant, dem Sitz der Alten Republik, auf Tattoine notlanden müssen. Sie bemerken seine immensen Fähigkeiten und befreien ihn aus der Sklaverei. Nach anfänglichem Zögern erlaubt der Rat Obi-Wan Kenobi die Ausbildung des Jungen zum Jedi-Ritter.
Hier wird ein Missverständnis deutlich: Der junge Anakin ist keineswegs die Hauptfigur.
Ein weiteres wesentliches Missverständnis tritt zutage, wenn man sich den ersten Auftritt von Anakin Skywalker nach etwa 30 Minuten Laufzeit genauer anschaut. So wie sich der junge Skywalker hier im Gespräch mit Padmé Amidala gibt, verhält er sich auch den Rest des Films: wie ein kleiner Erwachsener — er ist jung, aber kein Kind. Ausgelassenheit in die Szene beim Schrotthändler, für den Anakin als Sklave arbeitet, bringt nicht der Junge, sondern der Gunganer Jar Jar Binks, was aufseiten der Star Wars-Fans einiges an Kritik einbrachte.
So hieß es in einigen Online-Foren zum Film:
- Das einzige Manko des Films sind meiner Meinung nach Figuren wie Jar Jar Binks, die den Film zu einem Kinderfilm degradieren und ‚ernsthafte‘ Star Wars-Freaks wie mich etwas enttäuschen. (Zark)
- Ich hatte nun schon Jahre auf den neuen Teil von Star Wars gewartet. Und was passiert? Dieser Film war beim ersten Schauen so erdenklich schlecht gemacht. Es schien eher wie ein billiger Kinderfilm. Besonders Jar Jar Binks und die Gunganer waren einfach lächerlich.
Zum einen zeigen die Zitate, dass Filme für Kinder nicht gerade den besten Ruf genießen, zum anderen demonstrieren sie, dass die Gleichung ‚Kinderfigur + alberner Sidekick = Kinderfilm‘ nicht immer aufgehen muss.
Zweifellos sprechen Slapstick-Einlagen Kinder an. Aber das kindliche auf das kindische zu reduzieren belegt, dass man die zuschauenden Kinder nicht sonderlich ernst nimmt. Jar Jar Binks ist eine dramaturgische Konzession, um für die breit angelegte Zielgruppe des Films — also auch für die Kleinen — etwas Komisches dabeizuhaben, damit die politische Story und der altkluge Junge nicht zu dröge daherkommen. Ganz auf geht das Ganze jedoch nicht, denn trotz einigem Sehenswerten ist der Film im Ungleichgewicht: Für Kinder zu lang und zu komplex; für die erwachsenen Sciencefiction-Fans streckenweise zu albern.
2.1.2 Harry Potter und der Stein der Weisen (USA 2001)
Der nächste Mythos richtet sich unmittelbar an Kinder, ist jedoch nicht minder zu einem festen Bestandteil der Popkultur geworden: Harry Potter.
Diese Saga ist auf sieben Teile angelegt, vier Romane sind bis dato erschienen — der fünfte lässt leider auf sich warten. Ein überaus erfolgreicher Kinofilm startete im letzten Winter und Teil 2 ist bereits in den Kinos angelaufen.
Lässt sich bei Star Wars konstatieren, dass es sich um einen Sciencefiction-Film handelt, der in erster Linie Erwachsene und auch Kinder anspricht, ist es bei Potter genau umgekehrt — hier ist ein Kinderstoff, der auch eine große Attraktivität auf Erwachsene ausübt. Vieles liegt sicherlich an der herrlichen Verkehrung von Prämissen: Neben dem Alltag, den wir kennen, existiert eine magische Welt, die aber genauso strukturiert ist, wie die unsere (mit Schulen, Behörden etc). Für Harry ist die Schulzeit das Aufregende, die Ferien das Langweilige, und der ungeliebte Junge avanciert zum Helden. In letzterem spiegelt sich ein Wunsch, den vielleicht auch noch viele Erwachsene hegen: Etwas ganz Besonderes zu sein, aber noch nichts davon zu wissen.
Wie Harry seine seltsame Situation bewältigt — als normaler Junge in der fremden Welt der Zaubererschule Hogwarts klarkommt, Freunde gewinnt und seine Fähigkeiten erprobt —, nimmt in der literarischen Vorlage einen breiten Raum ein. Bei der filmischen Umsetzung spielt dies auch eine Rolle, jedoch hat man hier den Schwerpunkt auf das Äußere gelegt — aus der ‚Character-Driven-Story‘ wird ein ‚Action-Driven-Plot‘. Von dem Regisseur Chris Columbus, der zuvor z. B. ‚Kevin allein zu Haus‘ inszeniert hat, war vielleicht auch nichts anderes zu erwarten.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Episode, in der Hermione als Streberin ‚geächtet‘ wird und sich daher traurig auf die Mädchentoilette zurückzieht und nicht an der opulenten Halloween-Feier teilnimmt. Die Feier findet durch die Meldung der Anwesenheit eines Trolls ihr jähes Ende. Die Abwehr des Trolls bringt Harry, Hermione und Ron wieder zusammen: Zum einen können sie den Troll nur gemeinsam zur Strecke bringen, indem sich die Klugheit Hermiones, die Besonnenheit Harrys und die Tatkraft Rons verbinden. Und zum anderen präsentiert Hermione den verdutzten Lehrern eine Notlüge, die die beiden Jungen vor Strafe schützt.
Die opulente Ausstattung, die zahlreichen Special Effects und nicht zuletzt der fast alle Szenen begleitende orchestrale Soundtrack täuschen fast darüber hinweg, dass in dieser sechsminütigen Episode viel über die Stärken der drei Hauptfiguren deutlich wird. Ebenso zeigt sich, dass sie trotz oder vielleicht auch wegen ihrer unterschiedlichen Temperamente gemeinsam stark sind. Diese Stärke durch Gemeinschaft müssen sie bei der in die Entwicklungsgeschichte Harrys eingebettete Krimistory permanent unter Beweis stellen, um den Stein der Weisen aus der Hand des erstarkenden Lord Voldemort entreißen zu können.
Insgesamt ist Harry Potter eine phantasievolle Mischung aus ‚Herr der Ringe‘, ‚Fünf Freunde‘ und Internatsgeschichten, der die Kraft des Einzelnen und der Freundschaft zelebriert.
2.1.3 Pokémon — Der Film (USA, Japan 1999)
Nach einem Beispiel, das sich an Erwachsene richtet und Kinder auch anzusprechen sucht, und einem weiteren Beispiel, das sich an Kinder richtet und auch Erwachsene anspricht, nun zu einem dritten Mythos, der sich auf recht exklusive Weise an Kinder wendet: Pokémon.
Die Filmtrilogie und der grandiose Erfolg, den das Phänomen Pokémon mit Gameboy-Spielen, Sammelkarten, Fernsehserie und unzähligen Merchandising-Produkten weltweit bei Kindern zu verzeichnen hat, ist für viele Erwachsene unverständlich, unheimlich oder gar bedrohlich.
Die Struktur des Films mag diesen Eindruck vielleicht sogar noch verstärken, denn sie orientiert sich am klassischen Monstermovie: Die Normalität wird durch ein Monster bedroht.
- Das Monster
Die ersten 12 Minuten des Films sind der Werdung und Erziehung des Monsters gewidmet. Getrieben von Ehrgeiz und Machtgelüsten klonen Wissenschaftler (die einzigen Erwachsenen des Films) — aus Haaren des legendären Mew — Mewtwo. Mewtwo wird als eine nach Sinn suchende Kreatur beschrieben, deren Abneigung gegen Mensch und Pokémon sich aus schlechten Erfahrungen speist — wo er Antworten und Respekt forderte, wurde ihm Desinteresse und Versklavung geboten. Dieser Teil wird rasch mit vielen Off Kommentaren erzählt und in dieser kurzen Zeit werden immerhin zwei Labore in Schutt und Asche gelegt. - Die Normalität
Nach der Ankündigung ‚Die Herrschaft Mewtwos steht unmittelbar bevor‘ und der Einblendung des Filmtitels werden wir in eine andere Szenerie geführt:
Ein idyllisches Picknick mit scherzenden Kindern und ihren Pokémons. Es tritt ein Herausforderer auf, der Ash zu einem Wettkampf auffordert. Die Pokémons kämpfen und Ash gewinnt. Quasi ein Stück Alltag in ‚Pokémonland‘; und es fällt in dieser Episode der herzliche Umgang des Trainers mit seinen Schützlingen auf.
Bewegung kommt in das Geschehen durch die Einladung eines geheimnisvollen Meisters zu einem Wettstreit. - Konfrontation
Schon die Überfahrt auf die Insel, auf der der Wettkampf ausgetragen werden soll, lässt nur die Fähigsten durch. Sehr schnell kommt es zu ersten Auseinandersetzungen, in denen Mewtwo und die von ihm geklonten Pokémons siegen. Die Situation kulminiert schließlich in einem sinnlosen wie harten Kampf zwischen Originalen und Kopien, die die Pokémon-Trainer wie die Original-Pokémons erschüttert — Aggression, wie sie Mewtwo betreibt, ist kein akzeptierter Wesenszug in dieser Gemeinschaft von Pokémons und ihren Trainern.
Originale und Kopien sind gleich stark, das gilt auch für Mewtwo und sein plötzlich aufgetauchtes Original Mew, und es entsteht ein Patt. - Läuterung
Hier verlassen wir das Horrorfilmmuster, denn im klassischen Horrorfilm folgt der Konfrontation die Zerstörung des Monsters. Nicht so hier: Es kommt zur Läuterung des Monsters.
Ash kann das sinnlose Kämpfen nicht mehr mit ansehen und stürzt sich zwischen Mew und Mewtwo. Die Angriffsblitze beider treffen ihn und er sinkt leblos zu Boden. Dieses Opfer lässt die Kämpfenden innehalten und sie bemerken die Sinnlosigkeit ihres Tuns. Durch die kollektive Trauer geschieht das Wunder: Durch die Tränen aller Pokémons erwacht Ash wieder zum Leben.
Zwar siegt das Gute, aber nicht durch die Zerstörung des vermeintlich Bösen, sondern indem es bekehrt wird. Das Opfer von Ash und dessen Wiederbelebung durch die kollektive Kraft der Pokémon führt bei Mewtwo zur Erkenntnis seiner Fehler. Kraft seiner Macht entlässt er alle Beteiligten in eine kollektive Unwissenheit um die Geschehnisse und zieht sich mit seinen Klonen zurück.
Insbesondere am Schluss wird mit viel Pathos für Toleranz, Freundschaft, Solidarität und Fürsorge geworben — allesamt Eigenschaften, die wir von unseren Kindern fordern. Das mag für Erwachsene holzschnittartig wie plakativ daherkommen — aber: Kinder mögen es eindeutig.
Zwischenresümee
Allen drei beschriebenen Mythen ist gemein, dass in ihren sehr komplexen Welten die Kinder stark sind und aufgrund ihrer Stärken etwas bewirken können. Ebenso wird in allen die Wichtigkeit von Freundschaft und Gemeinsinn zur Erlangung von Zielen deutlich gemacht.
Sehr unterschiedlich sind diese Welten jedoch hinsichtlich ihrer Zugänglichkeit und Erfassbarkeit für Kinder — und in dieser Beziehung liegt Pokémon quasi vorn: Hier wird ein Universum mit festen Gesetzmäßigkeiten geschaffen, das Kinder sich exklusiv angeeignet haben.
2.2 Freundschaft und Alltag
2.2.1 Pünktchen und Anton (Deutschland 1998)
Um das Hohelied der Freundschaft anzustimmen, muss man jedoch nicht in ferne Galaxien oder Paralleluniversen reisen: München tut es auch.
Caroline Links modernisierte Adaption des Romans von Erich Kästner erzählt von der dicken Freundschaft zwischen der 10-jährigen Louise Pogge, genannt Pünktchen, und dem gleichaltrigen Anton Gast.
So gern sich die beiden mögen, so unterschiedlich sind ihre Lebensumstände:
Pünktchen wächst in einem sehr wohlhabenden Elternhaus auf. Ihr Vater ist ein anerkannter Herzchirurg und ihre Mutter eine echte Society-Dame, die sich für Kinder in der Dritten Welt engagiert. Ihre Eltern — und hierbei insbesondere ihre Mutter — sind jedoch stets so beschäftigt, dass sie für Pünktchen nur sehr wenig Zeit haben. Es sind eher die Köchin und das Aupairmädchen, die sich um sie kümmern.
Anton hingegen lebt mit seiner Mutter in sehr bescheidenen Verhältnissen. Seinen Vater kennt er nicht und eigentlich arbeitet seine Mutter in einem Eiscafé. Eigentlich — denn seit geraumer Zeit übernimmt Anton die Arbeit seiner Mutter. Sie ist krank und benötigt dringend einen Aufenthalt an der See; allerdings fehlt das Geld. Auch wenn es in der kleinen Wohnung von Mutter und Sohn eine Menge Probleme gibt, so haben doch beide ein sehr inniges Verhältnis zueinander
Sehr deutlich wird dieser Unterschied in einer Sequenz, die mit dem Mittagessen im Hause Pogge beginnt: Pünktchens Mutter eröffnet, dass sie plant, in den Ferien eine Schule in Indien zu besuchen und es daher keinen gemeinsamen Familienurlaub geben wird. Es kommt zum Streit und Pünktchen wirft ihrer Mutter vor, dass sie sich überhaupt nicht für die Kinder in Indien, sondern nur für die Empfänge interessiert. Wutentbrannt verlässt sie das Haus und besucht Anton. Sie wird darauf aufmerksam, dass der Gast’sche Kühlschrank nur sehr armselig bestückt ist und daraufhin gehen die beiden erst einmal einkaufen. Die umfangreiche Beute wird gemeinsam mit Antons Mutter gemütlich auf dem Bett liegend vertilgt. Und als Antons Mutter doch nicht beschließt, zum Nachtisch ‚kleine dicke Jungs‘ zu verspeisen, machen alle drei zusammen Schattenspiele.
Was diese Inhaltsangabe der Sequenz jedoch nicht zu transportieren vermag, ist die Poesie, mit der das Fehlen von Geld einerseits und das Fehlen von Herz andererseits erzählt wird: So kommt etwa die Szene im Kaufhaus völlig ohne Worte aus und verdeutlicht — unterlegt mit der Musik von Niki Reiser — eindrucksvoll die enge Verbundenheit der beiden Kinder und den Spaß, den sie miteinander haben.
Freundschaft und Selbstbewusstsein werden auch hier zum Motor — jedoch nicht um Welten zu retten und Monster zu besiegen, sondern um mehr Wärme und auch Achtung in das Zusammenleben zu bringen.
Die Botschaft für die Kinder ist eindeutig — die für die Eltern auch.
2.2.2 Pettersson und Findus (Schweden, Deutschland 1999)
Dass nicht nur Menschen gute Freunde sein können, sondern auch Katzen und Menschen, zeigt dieses Beispiel.
Auch hier handelt es sich um eine multimediale Erscheinung: Am Anfang standen die sehr populären Bücher von Sven Nordqvist (allein in Deutschland 2,5 Mio verkaufte Bücher) um den schrulligen Pettersson und seinen vorwitzigen Kater Findus. Es folgte eine ebenso sehr erfolgreiche Fernsehserie. Schließlich lief im April 2000 der erste Kinofilm an, vor wenigen Wochen startete Teil 2.
Der Film beginnt am Silvesternachmittag: Pettersson und sein Kater sind beim Eisfischen. Pettersson testet bei dieser Gelegenheit den Eissegler Marke ‚Eigenbau‘ und Findus nutzt eine Silvesterrakete, um seine Schlittschuhfahrt zu beschleunigen. Darüber hinaus sind auf dem Eis eine Reihe skurriler kleiner Figuren, die z. B. mit einem kleinen Feuerwehrwagen unterwegs sind, um Findus bei einer möglichen Havarie zu helfen, oder Pettersson beim Setzen der Segel assistieren. Das bunte Treiben wird von dem etwas griesgrämigen Nachbarn Gustavson kritisch, aber doch wohlwollend beäugt.
Diese ersten neun Minuten machen mit den wesentlichen Merkmalen dieser kleinen, überschaubaren und in sich geschlossenen Welt vertraut. Wie hermetisch und fürsorglich diese Welt ist, zeigt sich beispielsweise darin, dass Pettersson die Einladung zum Silvesteressen ablehnt, weil er sich doch um Findus und die Hühner kümmern muss.
Überschaubarkeit, Harmonie, Skurrilität und Humor machen die Geschichten auf dem schwedischen Bauernhof insbesondere für kleinere Kinder attraktiv.
Und dieser Zielgruppe kommt auch die Struktur der Geschichte sehr entgegen, da in die Rahmenhandlung fünf etwa 10-minütige Episoden eingebettet sind:
Noch auf dem See werden Pettersson und Findus von einem Sturm überrascht. Sie kommen vom Weg ab, bauen sich ein Iglu und überbrücken die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten: ‚Die Geschichte vom Geburtstag und dem Kuchen‘, ‚Die Geschichte von der Fuchsjagd‘; ‚Pettersson hat schlechte Laune‘; ‚Die Geschichte vom Hahn‘; ‚Die Geschichte vom fast vergessenen Weihnachten‘.
So bietet der Film mit der Rahmenhandlung sechs abgeschlossene Geschichten. Mit diesem Erzählstil kommt der Film insbesondere Vorschulkindern entgegen, indem er ihre Aufmerksamkeit nicht überfordert.
2.2.3 Mirakel (Dänemark 2000) — Erwachsenwerden als Musical
Wir bleiben in Skandinavien, wenden uns aber einer älteren Zielgruppe zu und dem Erwachsenwerden.
Dennis P., der 12-jährige Protagonist des Films, hat eine ganze Menge Probleme:
- Seine Mutter hat stets schlechte Laune, trauert dem verstorbenen Vater nach, erdrückt ihn fast mit ihrer mütterlichen Liebe.
- Sein bester Freund Mick hat sich in das gleiche Mädchen verliebt und macht offenbar auch noch das Rennen.
- Sein Mathelehrer hasst ihn.
- Zu allem Überfluss wollen ihm partout keine Schamhaare wachsen.
Natürlich trägt dies alles nicht unbedingt zu Dennis Selbstbewusstsein bei.
Das alles lässt ggf. auf einen Aufklärungs- oder Problemfilm schließen, allerdings verhält es sich hier ganz anders. Schon im Vorspann sieht man Menschen zu einem Rap in Turniertanzkleidung über den Asphalt schweben; und als Dennis von seinem Mathelehrer an die Tafel gebeten wird und die Aufgabe nicht lösen kann, passiert Folgendes: Das ungeduldige Schlagen des Lehrers mit einem Stock wird zum Takt und urplötzlich singen und tanzen Lehrer und Klasse in den entsprechenden Kostümen zu südamerikanischen Klängen den Dennis gewidmeten Song ‚Du bist eine Null‘.
So amüsant diese ‚Traum-Tanz-Sequenz‘ ist, so viel sagt sie über die Figuren aus: Zum einen dokumentiert sie Dennis Minderwertigkeitsgefühl, zum anderen veranschaulicht sie reichlich die Überheblichkeit des Lehrers.
Ähnlich skurril fährt der Film fort. Der verzweifelte Dennis sucht Rat in der Kirche und wird tatsächlich erhört. Er trifft seinen Schutzengel, der ihn mit der Lizenz für mittlere Wunder ausstattet. Von dieser Lizenz macht er hemmungslos Gebrauch, was zwangsläufig zu Chaos führt: Seine Mutter wird zum Vamp, sein Mathelehrer wandelt sich zum ergebenen Diener und die angebetete Karen Elise hängt wie eine Klette an ihm.
Am Ende nutzt er einen letzten Wunsch — dass alle Wünsche rückgängig gemacht werden.
Aber auch dann sieht es für ihn gar nicht so schlecht aus: Mutter und Mathelehrer kommen sich näher; Mick und Karen Elise haben sich zwar gefunden, doch er merkt bald, dass Schamhaare auch von alleine wachsen und es noch andere Mädchen gibt.
Die Tücke des Wünschens ist kein neues Motiv — aber die Umsetzung ist etwas Besonderes: Die Musik und die Tanzeinlagen werden konsequent eingesetzt, um das Innenleben der Figuren für die Zuschauer sichtbar zu machen.
3. Welche Filme brauchen Kinder?
So wie Abschnitt 1. ein Schlaglicht auf die Kinder und ihre Lebensumstände warf, so zeigen die sechs in Abschnitt 2. genannten Beispiele auch nur einen Ausschnitt dessen, wie Filme für ein junges Publikum inhaltlich und formal aussehen können.
Hinsichtlich der eingangs formulierten Frage können — vor dem Hintergrund des Referierten — folgende Thesen aufgestellt werden:
Kinder brauchen Filme, die
- starke Figuren haben, die ihnen zeigen, dass sie aus sich selbst heraus und gemeinsam mit Freunden etwas bewegen können.
- ihre Fantasie anregen, indem sie bunte, ferne Welten entstehen lassen.
- eindeutige Strukturen aufweisen, damit sich die Kinder im Erzählten zurechtfinden können und sich souverän, sicher und geborgen fühlen — allerdings ist hier nicht eindeutig mit einfach zu verwechseln (in puncto Komplexität z. B. ‚Pokémon‘, in puncto ästhetischer Anspruch z. B. ‚Pünktchen und Anton‘ und ‚Mirakel‘).
- ihnen demonstrieren, was das Medium Film stilistisch zu bieten hat, und sie kognitiv wie ästhetisch fordern."
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