aus: BLJA MItteilungsblatt 4/2001
Mythen und Symbole in populären Medien
Medientage München 2000
Das Landesjugendamt beteiligt sich seit 1994 mit einer Fachtagung an den Medientagen in München. Durch diese Einbindung in einen mehrtägigen Kongress gelingt es, ein größeres Publikum für die Probleme des Jugendmedienschutzes zu interessieren und zu sensibilisieren. Die letztjährige Veranstaltung, die von 130 Teilnehmern besucht wurde, stand unter dem Titel "Mythen und Symbole in populären Medien - Unterschwellige Botschaften in Videoclips und Werbetrailern ".
Musik hat bei Jugendlichen einen sehr hohen Stellenwert. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil ihres eigenen kulturellen Selbstverständnisses und trägt wesentlich zu ihrer Identitätsbildung bei. Es verwundert deshalb nicht, dass visualisierte Musik in Form von Videoclips einen hohen Verbreitungsgrad hat und sich einzelne Fernsehsender ausschließlich auf die Verbreitung dieser Medienform beschränken können. Vereinzelt spricht man sogar zur Kennzeichnung der Jugend von der MW-Generation ".
Vor diesem Hintergrund erachtet es das Landesjugendamt für wichtig, sich intensiver mit dieser speziellen Medienform auseinander zu setzen und auch Werbetrauer mit einzubeziehen. Werbefilme sind ähnlich wie Videoclips konzipiert. Mit hohem künstlerischen Anspruch und viel Kreativität wird versucht, mit schnellen Schnitten und innovativer Inszenierung den Betrachter auf emotionaler Ebene anzusprechen. Bei beiden Medien ist die unterschwellige Botschaft - der Subtext des Films - viel wichtiger als der vordergründige Inhalt.
Mit Prof. Dr. Röll, Fachhochschule Darmstadt, gelang es, einen praxiserfahrenen Spezialisten für dieses doch etwas ungewöhnliche Thema zu gewinnen. Anhand konkreter und aktueller Beispiele zeigte er mit dem im Folgenden abgedruckten Beitrag die subtilen Botschaften in Videoclips und Werbetrailern auf und diskutierte sie mit den Teilnehmern.
Mythen und Symbole in populären Medien
In unserer Gesellschaft ist nach dem Verlust christlicher Erlösungsgewissheit und politischer Utopien ein Vakuum entstanden. Unsicherheit begünstigt die Suche nach stabilisierenden Handlungsstrategien. Gesucht werden Werte, die in einer unübersichtlich gewordenen Lebenspraxis eine sinnstiftende Orientierung ermöglichen. Eines dieser notwendigen, sich wiederholenden Deutungsmuster wird durch die Medien ermöglicht. Die Medien erhalten die Funktion von Transmittern im Übergang von räumlichen und sozialen Übergangszuständen. Unsichere Personen sind sensibel für Angebote, die ihnen helfen, die Diffusität der Lebenswelterfahrung in Einklang mit dem Selbstbild zu bringen.
Diese Ausgangsbedingung macht sie aufnahmebereit für die in den Medien vorhandenen symbolischen und mythischen Botschaften. In den Medien ist vergesellschaftete Individualität subsumiert - meist handelt es sich um allgemein verbindliche, typische Interaktionsformen. Sie thematisieren Sinn-Fragen und helfen mitteilbar, das Bewusstsein des Selbst zu stabilisieren. Die medialen Angebote dienen somit den Rezipientinnen und Rezipienten als Patchworkmaterial bei ihrer Suche nach Selbstkonstitution. Rockmusik, Spielfilme, Videoclips, Werbung, Videokunst und Computeranimationen treten an die Stelle traditioneller Symbole. Sie gestatten ein trivial-mythisches Erleben, ohne den Status eines aufgeklärten und rationalen Bürgers aufzugeben.
Medien arbeiten mit symbolischen Modi, expressiv-emotionalen Formen, die — ebenso wie metaphorisches Denken und Kunst — eine bestimmte geistige Tätigkeit bedeuten, deren Bezugssystem sich jedoch keineswegs auf Anhieb erschließt. Die Medien machen (Sinn-) Angebote, die be- oder unbewusst wirken können.
Was ist ein Bild?
Bilder dienen seit Jahrtausenden als Hilfe bei der Orientierung in der Welt. In der Frühzeit der Menschheit unterschied der Mensch nicht zwischen dem Bild und dem Abbild. In der Frühzeit der Menschheit dominierte die Einheit von Bild und Wesen (1. Bildebene). Bild und Abgebildetes wurden als wesensgleich wahrgenommen. Dem Bild wurde, wie auch der Natur und den Naturkräften, eine Seele (anima) zugesprochen.
Im Verlauf der Zeit gelang es mit Hilfe kodifizierter Systeme wie z. B. Symbolen, die Daten und Informationen, die von den Sinnesorganen aufgenommen wurden, zu bewerten, zu ordnen und zu interpretieren. Ideogramme, Piktogramme, Zeichnungen und Grafiken hielten "Anschauungen" an Felswänden fest. Diese Felsbilder hatten die Aufgabe, Hilfen für künftiges Handeln zu geben. Sie hatten die Funktion, zur "Orientierung in der Welt" beizutragen. Ermöglicht wurde dies durch die Befähigung des imaginären Denkens (Antizipation, Vorausschau) und des Zurücktretens vom Gegenstand und damit der Herausdifferenzierung von Subjekt und Objekt. Damit die Eindrücke als Modell für Handeln genutzt werden konnten, bedurfte es jedoch der Speicherung und Kodifizierung des Gesehenen. Dies führte zum Verlust der Erfahrung, Bild und Wesen als Einheit zu sehen und begünstigte die Entwicklung von alphabetischen Symbolsystemen. Gleichwohl ging die Vorstellung einer Beziehung zwischen Bild und Abbild nie verloren. Das Bilderverbot des jüdischen und islamischen Glaubens knüpft an dem Bildverständnis der Frühzeit der Menschheit an. Es steht unter dem Dogma der Immanenz-These. Die Immanenz-These geht von der Überzeugung aus, dass zwischen medialen Abbildern und den sie darstellenden Dingen und Objekten eine unmittelbare Beziehung besteht. Am bekanntesten wurde der Konflikt, ob Bilder identisch sind mit dem, was sie abbilden, im so genannten Bilderstreit (8. Jh. n. Chr.). Die Bildergegner gingen von der Vorstellung aus, dass Christus Gott und Mensch zugleich ist. Eine Darstellung seiner göttlichen Natur ist demgemäß unmöglich, da sie die Einheit seiner Person zerstört. Original und Bild galten bei den Bilderverehrern der gleichen Substanz zugehörig. Es kam zu einem Kompromiss. Fortan gingen die Bilderverehrer von einer Theorie der Nachahmung aus. Das Original und die Nachahmung entsprechen nicht der gleichen Substanz. Die Nachahmung verhält sich wie ein Schatten zum Original. Das Bild hat jetzt Anteil am Wesen, entspricht aber nicht seinem Wesen. Nunmehr wird in dem Bild eine Spur des Wesens gesehen (2. Bildebene).
Der Immanentismus-Streit ist heute genauso aktuell wie vor 1200 Jahren. Die noch zu diskutierende Frage nach den Möglichkeiten der Beeinflussung von Gewaltszenen knüpft exakt an diesem Fragenkomplex an. Es wird befürchtet, dass durch gewalttätige Bilder die kritische Wahrnehmung unterlaufen wird sowie die technisch produzierten Abbild-Welten unhinterfragbar eine Vorstellung über das Ur-Bild (Realität) geben und damit zu Vorbildern der Weltwahrnehmung werden, von der ausgehend die gesammelten Erfahrungen interpretiert werden. Zensurbefürworter spekulieren mit dem Potenzial des menschlichen Wahrnehmungsvermögens, das Darstellende mit dem Dargestellten zu verwechseln (Immanentismus). Diese Argumentation leidet unter dem Nachteil monokausaler Erklärungsmuster und der negativen Konnotation1 potenzieller Bildwirkungen.
Sehen beinhaltet auch ein Zurücktreten von der Umwelt. Wenn Erscheinungen von der Umwelt unterschieden werden, liegt daher schon ein Zurücktreten zweiter Ordnung vor. Der Mensch erreicht diese freie Verfügung durch Imagination bzw. Einbildungskraft. Imagination trennt das erinnerte Aussehen, die konkrete Erscheinung von der individuellen Begegnung mit ihr. Die so gewonnene Freiheit ist eine Freiheit der Distanz und der Herrschaft zugleich. Eine innere Einbildung wird in ein äußeres Bild transformiert, die wiederum Gegenstand einer Repräsentation des ursprünglichen Zustands wird. Durch die äußere Darstellung, die Konkretisierung, kommt es zu einer Objektivierung der individuellen Erfahrung. Ein Wandel vom Immanentismus zur symbolischen Darstellung und damit zur Differenz zwischen Bild und Abbild wird bei dieser Position deutlich. Ein anderes Modell der Wahrnehmung ist Ausgangspunkt dieser Überlegungen. Es geht um das Verschränken von Sehen, wobei der Bildschaffende Autor und Medium seines Tuns zugleich ist.
Jugendliche genießen es, historisch aufgeladene Zeichen im neuen Kontext in die Dynamik eines jugendlichen style-war zu integrieren. In Form von Patchwork formen sie Codes um. Gegebenen Bedeutungen werden weitere hinzugefügt oder ganz neue Bedeutungen entwickelt. Nicht jedes Hakenkreuzmotiv, christliche Kreuz oder satanische Symbol, das Jugendliche als Emblem tragen, transportiert die in diesen Symbolen verinnerlichten Werte. Gerade im Bereich der subkulturellen Jugendkultur lassen sich selbst gedeutete zeichenhafte Systeme finden, die nach innen einen gemeinsamen Code repräsentieren, während sie nach außen abgrenzen. Jugendliche transformieren Zeichen und geben ihnen eine regionale soziokulturelle Bedeutung. Das Bild kann daher auch die Funktion des Zeichens erhalten (3. Bildebene). Das Abgebildete (denotative Bedeutung) kann sich von der konnotativen Bedeutung lösen. Die Loslösung vom Gegenstand wird umso deutlicher, je abstrakter das Zeichen ist. Für unser Medienzeitalter ist nach Meinung vieler Medienpädagogen diese Bildfunktion charakteristisch.
Gleichwohl gibt der hohe Konsum von Popstar-Postern und Fotos von Filmschauspielern Hinweis auf einen ungebrochenen Gebrauch des Bilds als magische Kommunikation. Das überlebensgroße Standbild von Michael Jackson, das bei seiner History-Tour eingesetzt wurde, knüpft unverwechselbar an dem Idolkult mythischer Gesellschaften an. Insbesondere die Werbeproduzenten gehen davon aus, dass durch die Nutzung von geeigneten Bildern suggeriert werden kann, dass ihr Produkt die Werte hat, die durch das jeweilige Bild repräsentiert werden. Dies trifft nicht nur auf die Pop- und Medienkultur zu. Wenn bei politischen Wandlungen Statuen und Bildzeichen der alten Macht zerstört werden (z. B. Marx- und Leninbüsten nach der Wende), beabsichtigen die Bildzerstörer, auch das Wesen des im Bild Dargestellten zu zerstören. Diese Denkvorstellungen sind mythischem Denken verpflichtet.
Parallel zu der Entwicklung, Bilder nur noch als Zeichen zu sehen, gibt es in der telematischen Gesellschaft offensichtlich einen Trend zur Reaktualisierung ursprünglicher Bildvorstellungen. Bilder werden zu Eigenwesen stilisiert und mit mythischen Kontexten aufgeladen. Das Medium bzw. das im Medium Abgebildete wird zum mythischen Wesen. Damit kommt es zum Reanimismus des Bedeutungsgehalts des Bilds (4. Bildebene), wenn auch auf einer anderen Stufe, als dies in der Frühzeit der Menschheit der Fall war. Es geht nicht wie bei der Immanentismus-These um die Verwechslung von Bild und Abbild, sondern um eine Aufladung der Bild-Bedeutung, d. h. Bilder erhalten eine zusätzliche Bedeutung, einen symbolischen Subtext, ergänzend zu dem, was sie eigentlich abbilden. Diese Subtexte richten sich nicht an das rationale Bewusstsein, sondern sprechen phylo- und ontogenetische2 Erfahrungen an. Am Beispiel der Werbung möchte ich im Folgenden einige Hinweise auf die Relevanz der symbolischen Subtexte geben.
Symbolische Botschaften in der Werbung
Die Werbeindustrie hat das Interesse, möglichst viele Konsumenten von einem Produkt zu überzeugen. Daher müssen Werbestrategien präsentiert werden, die bei unterschiedlichen Konsumenten Akzeptanz zur Folge haben. Die Konsumindustrie hat zwei Strategien entwickelt. Eine lange Zeit erfolgreiche Strategie war die Inszenierung von Monomythen3. Eine zweite Strategie - die Antwort der Produzentinnen und Produzenten auf die "produktiven" Zuschauer/-innen - ist die Herstellung von polysemen4 Produkten. Der Konsument erhält mehrere Deutungsangebote.
Die heutigen Medien greifen auf nahezu alle mythologischen Wurzeln zurück und entwerfen zudem neue, gesellschaftsbezogene Mythen. Die Ursprungsmythen erscheinen jedoch meist nicht in ihrer substanziellen Struktur - sie werden durch die gesellschaftlichen Erfahrungen jeweils präfiguriert. Vorwiegend wird auf komplexe Monomythen, wie sie im Spielfilm üblich sind, verzichtet. Meist werden einzelne Aspekte, Ausschnitte hervorgehoben. Weiterhin haben christliche Botschaften eine hohe Bedeutung. Sehr beliebt sind Paradiesmotive wie z. B. bei der Bacardi-Werbung. Mit dem christlichen Heilsmythos haben u. a. Otto Kern (Abendmahlszene), Adidas (Kreuzigung) und Benetton (Pieta-Motiv) geworben. Einen ganz aktuellen Bezug zum christlichen Mythos stellt zur Zeit West her. Beispielhaft werden zwei Plakate der aktuellen Werbekampagne genauer analysiert.
Bei dem Plakatbild "Kirchenfenster" (siehe Abb. 1) ist eine Schachtel zentralperspektivisch positioniert. Im Hintergrund ist ein Kirchenfenster zu sehen. Ornamente des Hintergrundmotivs sind auf der Schachtel abgebildet. Jeweils diagonal von unten links und von unten rechts verlaufen Strahlen zur Bildmitte. Sie treffen sich unterhalb des Markennamens "West". Dieser Schriftzug ist exakt auf der Höhe des Goldenen Schnitts positioniert (Symbol für Harmonie). Licht bedeutet in der Tradition der christlichen Kultur Erleuchtung und wurde oft in der Ikonographie des Christentums als Motiv für Erkenntnis eingesetzt. Mit dem Bildmotiv soll bei den Rezipientinnen/Rezipienten der Eindruck entstehen, dass "West" Erleuchtung bringt. Diese Botschaft wird visuell noch einmal durch die linke, so genannte aufsteigende Diagonale von zwei Linien, die den Markennamen unterstreichen, unterstützt.

Abb 1
Der Schriftzug West ist optisch so positioniert, dass er die waagerechte Linie des christlichen Kreuzes einnimmt. Die senkrechte Linie des Kreuzes wird nur virtuell gezeigt. Sie entsteht durch den axialen Punkt des Treffens der beiden Lichtstrahlen und wird imaginär durch das Ornament des Bilds auf der Schachtel nach unten fortgesetzt. Als Bild im Bild ist in der Schachtelbildmitte das Logo von West abgebildet. Auf dem Logo ist eine Person mit der Adorantenhaltung - der Anbeterhaltung des Göttlichen - abgebildet. Verstärkt durch den die Schachtel umschließenden Kreis und die oben folgenden Linien im Innenkreis (Dreieck nach oben) ergibt sich eine Vertikale. Im oberen Bildbereich steht der Schriftzug "Da strahlt die Gemeinde". Bei dieser Werbung für "West" werden religiöse Motive als "added value", als Wert neben dem Produkt, eingesetzt. Wer "West" raucht, gehört zu einer religiösen Gemeinde und hat gute Aussichten, erleuchtet zu werden.

Abb 2
Bei dem "Beichtstuhl"-Motiv (siehe Abb. 2) raucht ein lachender Pfarrer. Die (Zigaretten-)Gläubige hat ihr rechtes Bein leicht erhöht; damit ist durch den Schlitz des Kleids eines ihrer Beine zu sehen. Das gibt ihr eine erotische Ausstrahlung. Die Haltung der Hände ist in etwa auf einer Höhe. Während die linke Hand des Pfarrers den Rosenkranz umwickelt hält, hält die Frau in ihrer linken Hand eine Zigarette. Ihr Rosenkranz ist eine Zigarette. In der rechten Hand des Pfarrers befindet sich eine Zigarette, in der rechten Hand der Frau eine Schachtel. Eine dritte visuelle Parallelspannung ergibt sich durch die Augenhöhe. Der Gebrauch - oder, wie viele meinen, der Missbrauch - eines religiösen Motivs ist bei dem Beichtstuhlmotiv noch irritierender als bei dem Kirchenfenstermotiv. Das für die Situation der Beichte untypische Lachen könnte ein Hinweis für die Rezipientinnen/Rezipienten sein, dass es sich hier nicht um eine Rekonstruktion der symbolischen Bedeutung des "Beichtstuhls" handelt (sich von Sünden, Schuld frei machen), sondern um ein zugegebenermaßen provozierendes Spiel mit einem religiösen Motiv. Genau genommen wird der ursprüngliche Sinn dekonstruiert. Das Bild "Beichtstuhl" wird als Zeichen und nicht als Symbol eingesetzt. Allerdings bleibt auch hier die Frage, ob nicht unbewusst Wirkungen von dem Bild ausgehen.
Neben den christlichen Motiven tauchen in der Werbung immer mehr Motive aus anderen symbolischen Kontexten auf, so z. B. sind Motive der Androgynität5, der Jungfrauengeburt, der "Großen Göttin" oder der Initiation zu identifizieren. Klassifizieren lassen sich die Werbebotschaften in strukturelle (Kreis, Diagonale), transreligiöse (Adorantenhaltung - erhobene Hände), animistische, schamanistische, matriarchalische, hinduistische, buddhistische, taoistische und afrikanische Symbole. Es tauchen aber auch Symbole auf, die Zeitgeist bezogen sind. Wenn die Firma C & A bei ihrer Lifestyle-Werbung immer einen bestimmten Farbtypus wählt, hat dies in der Regel keine mythische Bedeutung. Hier handelt es sich genau genommen nicht um eine symbolische Bedeutung, sondern um die Nutzung von Farben als Anzeichen. Die Farbe steht jeweils für die aktuelle Modefarbe. Da aber die meisten Rezipientinnen/Rezipienten die Farbe nicht bewusst bemerken, kann sie hinter ihrem Rücken eine symbolische Bedeutung erhalten.
Gewalt in der Werbung
Eine immer größer werdende Anzahl von Filmen, Fernsehsendungen, Werbebotschaften (und Produkten) wird auf eine (begrenzte) Aufmerksamkeit gerichtet. Dies führt zu einer Divergenz zwischen Angebot und Nachfrage und steigert zwangsläufig die Konkurrenz. Diese Situation verschärft sich unter der Bedingung gesättigter Märkte, wie dies bei uns in der Regel der Fall ist. Die Medienkonkurrenz treibt die Medienanbieter untereinander zu immer größeren Aktivitäten. Die Konsumenten reagieren auf die Überfülle der Angebote unterschiedlich. Vielen gelingt es, selektiv aus der Vielfalt der Informationen zu wählen. Der größere Teil der Konsumenten reagiert mit Lowinvolvement-Verhalten, was niedrige Ich-Beteiligung bedeutet. Sie antworten auf die Vielfalt der Medienbotschaften mit oberflächlicher und flüchtiger Wahrnehmung. Die Medienbotschaften erreichen die Konsumenten nicht in dem Ausmaß, wie es die Macher wünschen. Um die Erinnerung an die Medienbotschaft bei dem Konsumenten zu platzieren, muss der Kommunikator auf diese Anforderungen reagieren, will er nicht in der "Informationsflut" übersehen werden. Eine zunehmende Aktivierungsspirale ist die Folge. Die Macher suchen nach Themen und Darstellungsformen, die emotionale Betroffenheit auslösen. Höhere Aufmerksamkeit lösen z. B. Action, Erotik, Abenteuer, Katastrophen und Gewalt aus. Da Medienbotschaften mit Gewaltszenen starke Gefühle auslösen, scheint es aus der Sicht der Macher nur folgerichtig, dass Gewalt in allen Genres eine immer größere Bedeutung erhält.
Manifeste körperliche Gewalt wie z. B. Schlagen und Töten tauchen bei den mir bekannten Werbespots selten auf. Gleichwohl lassen sich einige Spots, die "Gewalt" als emotionales Argument benutzen, nachweisen. Bei einem Werbespot für die Schokolade MAF posiert eine junge Dame vor einem (russischen) Soldaten, der unbeweglich Wache schiebt. Während sie sich vor ihm lasziv und aufreizend bewegt, hält sie ihm ständig ein Stück Schokolade vor den Mund, um kurz danach das Stück sich selbst in den Mund zu schieben. Nachdem sie zum wiederholten Male den Soldaten derart gereizt hat, schnellt plötzlich seine Faust nach vorne (zum Zuschauer). Der Bildschirm wird schwarz, somit wird der Eindruck erzeugt, dass die junge Frau bewusstlos geschlagen wurde. In der nächsten Bildeinstellung sehen wir den Soldaten, wie er wieder stumm Wache schiebt. Ein Schokoladenfleck an seinem Mundwinkel verrät allerdings, dass er sich das Reizobjekt Schokolade "erobert" hat. Die Gewalt gegen die junge Frau wird mit deren aufreizendem Verhalten "begründet".
Ein Tötungsdelikt gegen eine Frau wird in einem amerikanischen Werbespot gezeigt. Geworben wird dabei für ein Gebäck mit dem Namen Dairylea. In einer wüstenähnlichen Gegend rennt eine spärlich bekleidete Frau um ihr Leben. Sie ist auf der Flucht vor einem Godzilla ähnelndem Saurier. Sie kann ihm nicht entweichen. Der Saurier packt die Frau mit der linken Hand (Pfote), hebt sie hoch, tunkt sie in eine Soße und frisst sie auf. Dann entdeckt er, dass er eigentlich Dairylea-Gebäck hätte nehmen können. Er schlägt sich auf den Kopf. Seine Mimik drückt aus, hätte er das Gebäck genommen, hätte es besser geschmeckt. Das Töten der Frau wird als Irrtum gezeigt.
Den Spot mit der intensivsten Darstellung von Gewalt fand ich bei einer Stahldübel-Werbung (Hardwork). Nachdem das Produkt zu sehen ist, folgt im Anschlussschnitt eine Szene, in der wir einen gefesselten Mann auf dem Boden kniend sehen. Eine Domina befestigt einen Dübel und zieht den Mann mit einer Kette nach oben. Nunmehr hängt er mit dem Kopf nach unten an der Decke. Die Domina beginnt ihn auszupeitschen. Plötzlich kommt eine Nahaufnahme von seinem Hintern und wir sehen das Ergebnis: "Made in Germany" ist zu lesen. In der Schlusseinstellung lesen wir neben dem Produktnamen den Slogan "Stahl im Grenzbereich". Dieser an sado-masochistische Praktiken angelehnte Spot bewegt sich offensichtlich auch im Grenzbereich.
Während es sich bei den beschriebenen Spots um "Ausreißer" handelt, lässt sich eine hohe Anzahl von Spots finden, bei denen Gewalt im Kontext von Humor präsentiert wird. Bei einem Spot der Kölner Karate Sportschule Shintai sehen wir, wie ein Kind von einem Arzt entbunden wird. Er nimmt das Kind an den Fersen, hält es mit dem Kopf nach unten und gibt ihm einen Klaps auf den Hintern. Daraufhin tritt das Kind mit einem Karatetritt den Arzt ins Gesicht, so dass er auf den Boden fällt. Die Skurilität der Situation und die unrealistische Tat des gerade geborenen Kindes erschwert, dass die Szene als Gewaltszene gedeutet wird. Die in diesen Szenen enthaltene Gewalt wird nicht als Gewalt identifiziert. Diese Spots regen bei den Rezipientinnen/Rezipienten Gefühle von Schadenfreude an. Meist reagieren sie mit Gelächter auf diese Spots.
An einem Beispiel möchte ich zeigen, wie komplex das Thema Gewalt im Werbespot Verwendung finden kann. Eine genauere Reflexion dieses Spots ist schon deswegen interessant, da er wegen Gewaltverherrlichung kurz nach seiner Ausstrahlung freiwillig aus dem Programm genommen wurde. Es handelt sich um eine Werbung, die motiviert, Gebrauchsanweisungen von Waschmaschinen genauer zu lesen. In Deutschland wurde der Spot in VIVA gezeigt. Inhaltlich (Text) geht es bei dem Spot um eine Mutprobe. Ein Jugendlicher wettet, dass er sich zusammen mit seiner Hose in einer Waschmaschine mitwaschen lässt. Der Waschvorgang ist zu sehen. Eine alte Frau schaut konsterniert zu. Der Junge steigt wieder aus der Waschtrommel. Diese Geschichte wird in 57 Sekunden mit 75 Bildeinstellungen erzählt. Im Verlauf dieser Zeit erlebt der Zuschauer eine furiose Inszenierung mit einer fulminanten Bildmontage, einer gekonnten synästhetischen musikalischen Untermalung und einer Fülle symbolträchtiger Bilder.
In der ersten Bildeinstellung steht ein männlicher Jugendlicher in der Mitte des Bilds. Rechts neben ihm, im unteren rechten Bildfeld, sitzt ein anderer Jugendlicher. Der in der Mitte des Bilds stehende Jugendliche ist visuell integriert in eine schwarze Fläche (Torbogen). Zwei rechte Winkel sind direkt oberhalb seines Kopfes deutlich erkennbar. Links von ihm ist ein Mädchen positioniert. Sie ist angeschnitten, visuell gesehen hat sie nur eine halbe Beziehung zu dem Bildgeschehen, sie ist gespalten. Zwischen dem Kopf des Mädchens, dem des Protagonisten und des zuschauenden sitzenden Jungen ergibt sich eine fallende Diagonale, die als struktureller Text negative Implikationen birgt. Der Jugendliche steht im Spannungsfeld zwischen dem anderen Jugendlichen und dem Mädchen. Das Mädchen steht am Rande. Auf der symbolischen Ebene wird Rivalität im Kontext der sozialen Übergangsphase Pubertät thematisiert.
Völlig überraschend holt der Protagonist in der nächsten Bildsequenz eine Pistole hinter seinem Rücken hervor und schießt auf die imaginären Zuschauer (die beobachtende Erwachsenengeneration?). Es kommt jedoch "nur" tropfendes Wasser aus der Pistole. Der Trommelrevolver, der mit Wasser schießt, bereitet den kommenden Text vorbewusst vor: die Waschtrommel, in die der Jugendliche einsteigen wird. Andererseits erscheint die Pistole wie ein Penis und die heraustropfenden Wassertropfen können symbolisch als vorzeitiger Samenerguss gedeutet werden. Gleichzeitig erinnert diese Szene an einen Film von Buster Keaton, der mit einer Kanone einen ähnlichen Effekt in Der General inszeniert hatte. Selbstreferenziell wird ein anderer Film zitiert, und der erkennende Zuschauer wird zum mitwissenden Genießer. In der darauf folgenden Szene hält der Protagonist die Pistole an seinen Kopf und "erschießt" sich mit Wasser (ein symbolischer Selbstmord als Antwort auf die ejaculatio praecox). Im Anschluss daran folgt ein virtuoser Bildwechsel, der bei einmaligem Sehen kaum die Wahrnehmung gestattet, dass es um die Vorbereitung des Einstiegs in die Waschtrommel geht. Verbunden mit der Musik gibt es eine sphärische Unterbrechung. Der Jugendliche steht nunmehr innerhalb einer rechtwinkligen weißen Tür. Wiederum wechselt die Bildfolge mitreißend. Plötzlich wird der Jugendliche - hervorgerufen durch die Beleuchtung - wie in Trance gezeigt.
Danach schlägt der Protagonist im Freien ein Rad von rechts nach links. Wenn er tangential den Boden berührt, "versinkt" er in den Boden und landet in einer Kanalröhre. Nunmehr entfesselt der Film (der Regisseur) alle Bewegungseffekte. Es folgen Szenen mit einer subjektiven Kamera, die mögliche Wahrnehmung innerhalb einer Waschmaschine. Spiralbewegungen nach rechts und links wechseln sich ab mit Einblendungen von Einzelszenen. Nur die wichtigsten möchte ich erläutern. Der Protagonist sprayt in der Röhre auf eine Wand mit roter Farbe. In Nahaufnahme glauben wir Blut zu erkennen, zumal in direkter Folge die Aufnahme seiner blutenden Nase präsentiert wird. Daraufhin sitzt er in einem Reifen, von rechts nach links rollend. Es folgt eine Szene, in der er eine Tablette einnimmt. Daraufhin vergrößern sich seine Pupillen (Trip). Eine alte Frau beobachtet den Jugendlichen in der Trommel. Plötzlich öffnet sich die Trommel und der Jugendliche kommt heraus. Im folgenden Bild sitzt er schwer atmend in einem Reifen. In der letzten Szene steht er einer elektrischen Birne gegenüber, die er mit einem Fausthieb zerschlägt.
Im manifesten Text erzählt der Spot von einer Mutprobe, im symbolischen Text von Jugendlichen, die um eine Frau rivalisieren. In Verbindung mit dem strukturell-analytischen Text deute ich den Spot als eine missglückte Initiation. In der Psychoanalyse gelten Röhren als Geburtskanäle. Im Animismus und Schamanismus sind Tunnel (Röhren) ein Symbol für eine Übergangssituation. Immer wenn Menschen auf der Suche nach einer neuen Identität sind, müssen sie durch einen Tunnel. Das ist der psychologische Raum der Initiation. Die weitere Analyse des Films bestätigt, dass der Spot als symbolische Initiation gelesen werden kann. Der Junge steht zu Anfang des Films im rechten Winkel (Symbol für die Männlichkeit) und wird im Verlauf des Spots nur noch in Beziehung mit Kreisen (Trommelrevolver, Röhre, Waschtrommel, Autoreifen) gezeigt. Kreise gelten wiederum als Symbol für die Ganzheit, aber auch für das Weibliche. Der Jugendliche sucht nach seiner Identität, seiner Anima. Revolver (Trommel, Lauf), die Türen (schwarz, weiß) verweisen schon zu Anfang auf Polarität. Das Aktionsfeld befindet sich oberhalb und unterhalb der Erde. Dem "suchenden" Mann tritt das Weibliche gegenüber. In der Trommel gerät er in den Widerspruch zwischen Zukunft (rechts) und Vergangenheit (links), das entspricht visuell dem Motiv der Spirale (matriarchalisches Ursymbol). Das "Blut" an der Wand könnte Menstruationsblut bedeuten, denn der Naseneingang (dazu hat sich Sigmund Freud u. a. in seiner Traumdeutung einschlägig geäußert) wie übrigens auch die Ohröffnung (diesen Bezug hat Vilém Flusser herausgearbeitet) lassen sich als Synonyme für das weibliche Geschlechtsorgan deuten. In Verbindung mit dem Blut, das aus der Nase tropft (Menstruation), verdeutlicht dies den Wunsch nach bzw. die Angst vor dem Weiblichen. Von der Liebesgöttin (Aphrodite) wird er in die Trommel "geschickt" und von der Todesgöttin (Hekate) wird er nur beobachtet, jedoch nicht empfangen. Er kommt ans (elektrische) Licht und schlägt es mit einem Schlag aus. Während das Dunkle, die Tiefe, das Erdhafte ebenfalls dem Weiblichen zugeordnet werden können, steht das Licht für das Männliche. Im Mittelalter stand das Licht als Zeichen für Erkenntnis, genauer für die Erkenntnis Gottes. Er zerschlägt das Licht der Erkenntnis und somit misslingt die Initiation.
Gewalt in Videoclips
In Videoclips lassen sich alle nur denkbaren Gewaltszenen finden. Von Anfang an stand daher dieses Genre in Beobachtung. Der erste Videoclip-Skandal wurde Mitte der 80er-Jahre ausgelöst von der Gruppe Duran Duran. In ihrem Clip Wild Boys wurden Folterszenen gezeigt, die eine öffentliche Diskussion wegen Gewaltverherrlichung zur Folge hatten. Ebenfalls löste in diesen Jahren der Clip 19 von Paul Hardcastle eine öffentliche Kontroverse aus. Bei diesem Spot werden aus der Sicht von 19-Jährigen Bilder vom Vietnamkrieg gezeigt. In den Diskotheken tanzten Jugendliche, während parallel dazu Kriegsbilder auf Videowänden flimmerten. Heftig umstritten war Ende der Achtzigerjahre der Videoclip Relax von Frankie goes to Hollywood. Irritierend für die damaligen Zuschauer waren nicht nur die ausschweifenden Szenen mit deutlichen Bezügen zu dem römischen Imperator Nero. Insbesondere führte die drastische Inszenierung eines Homosexuellen-Milieus mit unübersehbaren Gewaltmetaphern zu einer öffentlichen Ablehnung dieses Clips.
Trotz vieler Diskussionen kam es nur in einem Fall zu einer Selbstzensur des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Der Clip Jeanny von Falco hatte einen vermeintlichen Sexualmord an einem Mädchen zum Thema. Während die Erwachsenen sich an den unmissverständlichen Text des Lieds hielten und deswegen meist den Spot wegen seiner Gewaltverherrlichung kritisierten, hatten viele Kinder und Jugendliche, wie ich durch Befragungen herausfinden konnte, nie dem Text richtig zugehört. Sie achteten vielmehr auf den Sound und auf die Bilder. In einer der Schlussszenen des Clips war eine Szene enthalten, bei der man den Eindruck gewinnen kann, Jeannys Augen würden sich öffnen. Ausgehend von dieser Szene postulierten sie, Jeanny lebe und der Konflikt um den Clip sei ein Generationenkonflikt nach dem Motto "die Erwachsenen wollen uns Jeanny wegnehmen".
Mehrere Jahre gab es wenig Auseinandersetzungen im Kontext von Videoclips und Gewalt. In den letzten Jahren hat die deutsche Gruppe Rammstein mit ihren Texten und ihren Videos neue Aufregungen produziert, zumal bei ihren Produktionen neben der Gewalt die Nähe zu rechtsradikalem Gedankengut unüberseh- und -hörbar war, so z. B. in dem Fememord-Clip Du hast. In dem wunderschön gestalteten Clip Du riechst so gut kann man eine Adaption des Vampir-Themas, gemischt mit dem Rotkäppchen-Märchen, identifizieren. Ebenso kann man/frau den Clip auch als eine raffinierte Neuinszenierung des Jeanny-Themas (Sexualmord) deuten. In ihren Selbstdarstellungen distanziert sich allerdings die Gruppe von derartigen Zuordnungen. Rammstein beherrscht wie kaum eine andere Popgruppe die Fähigkeit, mit Ab-Bildern umzugehen. Ihre Videos gehören ästhetisch und dramaturgisch zu den besten Produktionen der letzten Jahre. Wird die Gruppe auf die latenten und manifesten Gewaltbotschaften angesprochen, erzählen sie, dass zwischen dem, was auf den Bildern zu sehen sei, und dem, was sie denken, große Unterschiede bestehen. Sie würden immer missverstanden. Überspitzt formuliert haben sie die Auffassung, dass die Assoziationen, die Kritiker zu ihren Videos und ihrer Musik haben, deren Problem sei. In ihrer Argumentation bewegt sich die Gruppe im Diskussionsstand der aktuellen medienpädagogischen Reflexion (Bild als Zeichen = 3. Bildebene).
Die gewalttätigsten Szenen, der Eisberg unter der Clipoberfläche, finden sich in einigen Heavy-Metal-Clips. Die Spitze des Gewaltvideo-Eisbergs sehe ich in dem Clip Smack my bitch up (Produktion 1998). Nachdem der Clip veröffentlicht wurde, getraute sich MTV den Spot nur mit einer Hinweistafel zu senden mit dem Text "Achtung - Dieser Videoclip ist jugendgefährdend". Darüber hinaus wurde er nur zwischen 3 Uhr und 6 Uhr morgens gesendet. Inzwischen gibt es keine Warntafel mehr und er ist auch schon in den Abendstunden des Senders zu sehen. Dieser ungewöhnliche, ebenso wie bei Rammstein ästhetisch brillant inszenierte Clip wurde für die Gymnasiasten-Popgruppe Prodigy produziert.
In Smack my bitch up wird in bisher bei Videoclips noch nicht gesehener Weise Gewalt inszeniert. Der Clip zeigt mit subjektiver Kamera die Erlebnisse eines Protagonisten in Bars und Bordellen. Wir sehen, was der Protagonist erlebt, seine gewalttätigen Auseinandersetzungen, seinen Drogenkonsum, seine sexuellen Ausschweifungen, so als ob wir sie selbst erlebten. Somit ist das gewalttätigste Element dieses Clips die Kameraführung. Es gibt nach meiner Beobachtung erhebliche Schwierigkeiten bei den Rezipientinnen/Rezipienten, einen Betrachterstandpunkt einzunehmen. Durch die Kameraführung entsteht ein immersiver Effekt, d. h. die Rezipientinnen/Rezipienten werden zum Teil der Filmhandlung, sie identifizieren sich mit dem Protagonisten, den sie gleichzeitig aufgrund seines diskussionswürdigen Verhaltens ablehnen. Die Faszination der Bilder, der Erfahrungswelten ungesehener Bilder mischt sich mit intellektuell und rational empfundenem Abscheu. Der Plot Point6 dieses Clips wird erst in der Schlusseinstellung erkennbar. Das Subjekt (Protagonist) der gewalttätigen Handlung ist kein Mann, sondern eine Frau.
Was Bilder bewirken können - können Bilder etwas bewirken?
Die Frage nach den möglichen Wirkungen der in der Werbung und in Videoclips gezeigten realen und symbolischen Gewalt muss unbeantwortet bleiben. Dass Medien beeinflussen können, ist unstrittig. Wie, warum und unter welchen Umständen ist heftig umstritten. Keine Theorie - sei es die Katharsis-These, die Habitualisierungs-These, die biographische oder die sozio-ökologische These - konnte bisher umfassend das Phänomen Medienwirkung erklären. Da Bilder Emotionen evozieren können, aber ebenso auch die Rezipientinnen/Rezipienten Potenziale haben, Bilder anders zu deuten, bedarf es der Kenntnisse, welche Bedeutung Bilder bei den Rezipientinnen/Rezipienten haben.
Die oben skizzierten Stationen unterschiedlicher Bildbedeutungen verdeutlichen, dass divergierende Positionen mit jeweils nachvollziehbaren Argumenten auf die Widersprüchlichkeit des Phänomens der Wirkung von Bildern aufmerksam machen. Die Position der Bildimmanentisten wie auch die Argumente, die den Bildern und dem Beobachter eine Differenz zugestehen, können einige, jedoch nicht alle Phänomene erklären. Wenn auch ungeklärt bleibt, ob der Reanimismus zu wahrnehmungsrelevantem Verhalten führt, lässt sich die massenhaft auftauchende Präsenz dieser Bilder nicht verleugnen. Angemessen ist eine Verzahnung der einzelnen Ansätze. Die unterschiedlichen früheren Stufen der Bildbedeutung verlieren nie ihren Gehalt und können stets ihre Relevanz aktualisieren. Die konkrete Lebenssituation (Bildungsstand, Biographie, soziale Herkunft, Informationsstand, das gewählte Genre etc.) bestimmt dann letztlich, welche dieser Bildwirkungen bei den Rezipientinnen/Rezipienten an Einfluss gewinnt.
Der Umgang mit Bildern entspricht somit keinem passiven Akt. Rezipientinnen/Rezipienten sind potenziell in der Lage, Medienbotschaften zu decodieren, den angebotenen Be-Deutungen eigenständige Assoziationen hinzuzufügen. Gleichwohl ist es denkbar, dass die subtextuellen Botschaften der Bilder unbewusst wirken können. Während auf der einen Seite die Rezeptionsfähigkeit die Simulationsgrundlage unterläuft, ist nicht auszuschließen, dass sie auf einer anderen Ebene wieder auftaucht. Es gibt nicht das Entweder-oder, sondern das Sowohl-als-auch - beide Möglichkeiten sind gegeben.
Prof. Dr. Franz Josef Röll
1 Konnotation = die Grundbedeutung eines Wortes begleitende, zusätzliche Vorstellung, z.B. Mond → Nach, romantisch, kühl, Liebe etc.
2 phylogenetisch = die Stammesgeschichte betreffend (Biol.) ontogenetisch = die Entwicklung des Individuums betreffend
3 Erzählgeschichte von Helden, die nach Mustern aufgebaut ist, die in vielen Märchen und Mythen vorkommen.
4 polysem = mehrere Bedeutungen habend
5 Androgynität = körperlich-seelische Mischung beider Geschlechter in einer Person
6 Plot Point = sinngemäß: Höhepunkt einer Spielhandlung (von engl. Plot = Aufbau und Ablauf der Handlung einer epischen oder dramatischen Dichtung)
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