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BLJA Mitteilungsblatt 2/1996
Nave-Herz, Rosemarie: Familie heute


"Vielgelobt und doch mindergeachtet? Familie heute" war der Titel einer Tagung der Katholischen Akademie in Bayern in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Akademieverband Österreichs, die sich unter anderem mit soziologischen und anthropologischen Grundlagen der Familie befasste.

Aus den zusammengefassten Referaten in der Zeitschrift "zur debatte" (Nr. 1, Jan./Febr. 1995) geben wir mit freundlicher Genehmigung den Beitrag von Prof. Dr. Rosemarie Nave-Herz (Universität Oldenburg) wieder. Er fasst in komprimierter Form die wesentlichen soziologischen Aspekte des Wandels der Familie sei dem zweiten Weltkrieg zusammen.

Soziologischer Wandel

"Allgemein ist bekannt, dass wie seit circa 25 Jahren eine zunehmende Ausdifferenzierung von Haushalts- und Lebensformen beobachten können. Man spricht in diesem Zusammenhang aber nicht nur von einer Pluralisierung von Lebensformen, sondern auch von einer gestiegenen Pluralisierung von Familienformen. Dieser Ausdifferenzierungsprozess sei das Ergebnis von Individualisierungsprozessen, die aufgrund unserer ökonomischen Lage, durch unser sozialstaatliches Sicherungssystem, durch den größeren Wohnungsbestand u.a. mehr möglich und durch einen allgemeinen Wertwandel unterstützt wurden. Ist es auch richtig, von einer stark gestiegenen Pluralisierung von Lebensformen (d.h. auch Lebensstilen) in unserer Gesellschaft zu sprechen, so ist die Vorstellung aber unzutreffend, hieraus ebenso auf eine stark angestiegene Pluralisierung von Familienformen zu schließen. Diese Behauptung möchte ich im folgenden ausführlich begründen.
Die "gängige Pluralitätsthese" unterstellt nämlich eine quantitative Zunahme der verschiedensten Familienformen in den letzten Jahren auf Kosten der Eltern-Familie mit formaler Eheschließung, also der "normalen" Familie.
Nun ist die Antwort auf die Frage nach der heutigen Vielfalt familialer Lebensformen abhängig vom gewählten Begriff von Familie. Und um familialen Wandel und die Pluralität von Familienformen erfassen zu können, ist eine möglichst weite Definition von Familie zu wählen, um nicht Veränderungen durch die gewählte Begrifflichkeit von vornherein auszublenden. Im folgenden wird mit Familie das Eltern- oder das Mutter-/Vater-Kind-System bezeichnet, gleichgültig ob dieses ein formales oder informales oder überhaupt kein Ehesystem z.B. im Falle des Alleinerziehens - aufweist.

Familienformen

De facto hat in der Bundesrepublik Deutschland während der letzten Jahre die Anzahl der Ein-Eltern-Familie, und zwar sowohl die - wie ich sie benenne - Mutter-Familien, d.h. die alleinerziehenden Mütter, als auch die Vater-Familie, also die alleinerziehenden Väter, sowie die nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit Kindern zugenommen. Von allen nichtehelichen Lebensgemeinschaften haben aber nur 12% Kinder und nur ca. 5% gemeinsame. Konkret heißt das, dass die wenigen Kinder, die in einer solchen Lebensform überhaupt aufwachsen, überwiegend aus einer früheren Ehe stammen und häufig das Scheidungsverfahren die Bildung einer neuen Eltern-Familie noch verhindert. In der DDR war diese Familienform weit verbreiteter, auch die alleinziehenden Mutter-Familien.
In Stiefeltern-Familien und in Adoptionsfamilien wachsen bei uns auch nur unter 5 % aller Kinder auf. Der Anteil von Adoptions- und Stief-Familien ist bei uns - vor allem im Vergleich zu den USA - nicht hoch.
Trotz einer gewissen zahlenmäßigen Zunahme anderer Familienformen beträgt der Anteil der Eltern-Familien an allen Familien 85 %, und diese Familienform ist damit die quantitativ weit dominante geblieben, entgegen allen gegenteiligen Behauptungen! Noch deutlicher wird ihre quantitative Bedeutung in unserer Gesellschaft, wenn wir danach fragen, in welcher Familienform bei uns zur Zeit die Kinder aufwachsen. Denn auch von den Kindern aus gesehen zeigen die Zahlen des DJI-Familiensurveys des Deutschen Jugendinstituts, dass mit ihren leiblichen Kindern bis zum 14. Lebensjahr über 90 % aller Eltern in der (alten) Bundesrepublik Deutschland und 82 % in den neuen Bundesländern zusammenleben, und sogar auch über 85 % bis zum 18. Lebensjahr. Wie ist der Befund zu erklären, da doch heute bereits jede dritte Ehe wieder geschieden wird? Doch die Ehescheidungsquote der kinderlosen Ehen ist am höchsten und die der kinderreichen am geringsten; ferner werden relativ viele Ehen in der nachelterlichen Phase, also wenn die Kinder über 18 Jahre als sind, geschieden.
Wechseln wir die Perspektive, und zwar von der statistischen zur normativen Ebene, und fragen nach der Bedeutung der Familie für den Einzelnen, so müssen wir aufgrund von vorhandenen empirischen Untersuchungsergebnissen betonen, dass nicht nur auf der statistischen (trotz aller zeitlichen Reduktion), sondern auch auf der normativen Ebene die Eltern-Familie weiterhin das "Normalitätsmuster" darstellt und die traditionelle Eltern-Familie an subjektiver Wertschätzung keineswegs verloren hat. Selbst diejenigen, die in einer anderen Familienform leben, würden überwiegend das Leben in einer Eltern-Familie bevorzugen. Die Mehrzahl der Betroffenen, die Singles, die Kinderlosen, die Alleinerziehenden, haben ihre jetzige Lebensform nicht als bewusste alternative Lebensform zur traditionellen Eltern-Familie gewählt. Das jedenfalls belegen unsere eigenen und auch viele andere empirische Untersuchungen.
So haben wir z.B. in unserer Studie über kinderlose Ehepaare feststellen können, dass diese Ehepaare sehr wohl mit ihrer Eheschließung auch den Wunsch nach gemeinsamen Kindern verbanden; die Einlösung des Kinderwunsches überwiegend wegen der Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Kindern verschoben und vor allem wegen der hohen Berufsorientierung bei den kinderlosen Frauen. Gleichzeitig war bei ihnen eine - so nannten wir es - traditionelle Mutter-Rollen-Konzeption gegeben (d.h. konkret formuliert: wenn sie Mutter werden würden, dann wollten sie sich auch selbst völlig um das Kind kümmern, also ihren Beruf aufgeben). Diese nicht zu vereinbarenden Wertorientierungen (nämlich die hohe Berufsorientierung bei gleichzeitig traditioneller Mutter-Rollen-Konzeption) führte zu irrationalen Konflikten und bewirkte immer wieder den Aufschub, bis es auf einmal spät war und sie der Entscheidung durch den biologischen Ablauf enthoben wurden.
Soziologisch interpretiert, müssen wir nämlich erkennen, dass sich Ungleichzeitigkeiten im sozialen Wandel - Veränderungen auf der Makroebene - nunmehr auf der individuellen Handlungs- und Entscheidungsebene in der Form von irrationalen Konflikten weiterspiegeln: denn der Schul- und Berufsbereich hat sich für Frauen verändert, nicht aber der Familienbereich.
Auch aus dem Anstieg der Scheidungszahlen ist kein Bedeutungsverlust der Institutionen "Ehe" und "Familie" ablesbar. So paradox es nämlich klingen mag, die Ergebnisse unserer eigenen empirischen Erhebung über verursachende Bedingungen von Ehescheidungen zeigen das Gegenteil: Die Zunahme der Ehescheidungen ist nicht die Folge eines gestiegenen Bedeutungsverlustes der Ehe; nicht die Zuschreibung der "Sinn"-losigkeit von Ehen hat das Ehescheidungsrisiko erhöht und lässt Ehepartner heute ihren Eheentschluss eher revidieren, vielmehr ist der Anstieg der Ehescheidungen Folge gerade ihrer hohen psychologischen Bedeutung und Wichtigkeit für den Einzelnen, so dass die Partner unharmonische eheliche Beziehungen heute weniger als früher ertragen können und sie deshalb ihre Ehe eher auflisten. Bestimmte sogenannte Stressoren wie Arbeitslosigkeit, Belastung durch die Erwerbsarbeit, Arbeitszeitregelungen u. a. m. können dann wenn bereits eine konfliktreiche Ehe gegeben ist, verstärkend im Hinblick auf Auflösung wirken. Ferner stellt man nur die eigene Ehe in Frage, auch in der Hoffnung auf eine andere und bessere Partnerbeziehung in der Zukunft.
Zusammenfassend ergibt sich also als Antwort auf die Eingang wiedergegebene These über die Pluralität familialer Lebensformen, dass weiterhin die Eltern-Familie unter den verschiedensten Familienformen die dominante geblieben ist; unter allen Lebensformen ist ihr Anteil gesunken. Nur ein Drittel aller Haushalte sind Familienhaushalte. Weiterhin bringt man der Eltern-Familie hohe Wertschätzung entgegen, doch: in Familie zu leben ist stärker als je zuvor zu einer transitorischen Lebensphase geworden."

Rosemarie Nave-Herz

 

Hinweis: Der Beitrag ist in voller Länge erschienen in: Gottfried Bachl (Hrsg.), Familie leben. Herausforderungen für kirchliche Lehre und Praxis (Schriften der Katholischen Akademie in Bayern, Band 153, Patmos-Verlag, Düsseldorf 1995.

 

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