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aus: BLJA Mitteilungsblatt 1/2008
Okkultismus und Satanismus


"Immer wieder werden wir aufgeschreckt durch drastische Schlagzeilen und schockierende Medienberichte, die von okkulten Umtrieben und satanistischen Grausamkeiten zu berichten wissen: Jugendliche wandeln nachts auf Friedhöfen, stürzen Grabsteine um und feiern so genannte "schwarze Messen". Erwachsene praktizieren geheime Rituale und schrecken vor (sexuellem) Missbrauch und Mord im Namen des Teufels nicht zurück."

Aus den Beobachtungen des ZBFS - Bayerisches Landesjugendamt — insbesondere den entsprechenden Beratungsfällen der letzten Jahre — sieht die Realität dagegen anders aus: es liegen keine Erkenntnisse über eine nennenswerte Anzahl gravierender derartiger Vorfälle vor! Diese Erfahrung deckt sich mit derjenigen bei den zuständigen Polizeidienststellen.

"Von dramatischen Einzelfällen einmal abgesehen findet die alltägliche Auseinandersetzung mit okkult-magischen oder satanistischen Praktiken eher unspektakulär statt. Besorgte Eltern fragen an und suchen Informationen, weil ihr Kind mit einem düster-abschreckenden Outfit (z. B. schwarze Kleidung, Pentagramme und Totenköpfe im Zimmer) provoziert und ständig pendelt. Eine Freundin verhält sich ganz anders und wirkt ängstlich-verschreckt. Dem Lehrer fällt ein Schüler auf, der aggressive Musik hört und über Satanismus recht gut informiert ist.
Immer sind die besorgten Eltern, Freunde, Lehrer, Kollegen oder Bekannte irritiert und suchen seriöse Informationen, brauchen Tipps für den Umgang mit dem Menschen und haben nicht selten auch Angst um sich selbst. Konflikte erscheinen unvermeidlich und führen zu Verletzungen auf allen Seiten.
Gerade angesichts der Vielzahl von Angeboten im Internet, aber auch die qualitativ höchst unterschiedlichen "Aufklärungswerke" auf dem Buchmarkt machen eine sachliche Aufklärung umso notwendiger. Doch das größte Problem dabei ist die Tatsache, dass es nicht den Okkultisten oder den Satanismus gibt! Vielmehr hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine unüberschaubare Anzahl von zum Teil höchst unterschiedlichen Weltanschauungen und Praktiken herausgebildet. Verstehen die einen ihre satanistische Ideologie noch als Gegenentwurf zum Christentum (vgl. die so genannte "schwarze Messe" als Umkehrung der katholischen "hl. Messe"), stellen die anderen nicht einmal mehr die Frage nach Gott, sondern entwickeln stattdessen eine Weltanschauung, die zugleich atheistisch und gnostisch ist."

Zitate aus www.okk.weltanschauungsfragen.de - Erzdiözese München-Freising / Faltblatt

Okkultismus

Der "Okkultismus" beschäftigt sich mit dem hinter unserer normalen Realität "Verborgenen bzw. Geheimnisvollen". Der Begriff okkult ist von dem lateinischen Wort "occultus" für "verborgen" bzw. "geheim" abgeleitet. Dabei geht es unter anderem um Phänomene, die wissenschaftlich angeblich nicht erklärbar sind. Es handelt sich um einen Überbegriff, der viele verschiedene Lehren und so genannte "Geheimwissenschaften" umfasst. Um Einsicht in die gemeinten verborgenen Welten bzw. Kontakt dorthin zu erlangen werden besondere Methoden und Praktiken angewandt. "Mediale Fähigkeiten" oder besondere magische Kräfte bei dafür angeblich besonders begabten Menschen sind deshalb gesucht. Der Okkultismus wird in der öffentlichen Meinung wegen seiner Nähe zum Satanismus häufig als ein negatives Pendant zur Esoterik gesehen. Hexen, Magier, Spiritisten und Satanisten sehen sich selbst zum Teil in einer Tradition, die sich hauptsächlich mit den dunklen Seiten der Wirklichkeit beschäftigt. Für eine nähere, wissenschaftlich fundierte Definition muss auf die sehr umfängliche Fachliteratur verwiesen werden.
Okkultismus ist in seiner Grundlinie die Rückkehr des modernen Geistes in die vorwissenschaftliche Weltsicht der Magie. Okkultisten sind aus Sicht der kritischen Vernunft Irrationalisten. Überschneidungen mit anderen religiösen, z. B. esoterischen Vorstellungswelten sind durchaus vorhanden.  

Woran glauben Okkultisten im persönlichen Leben?

Okkultisten sind überzeugt, dass es eine so genannte "geistige" Welt neben unserer "normalen" Welt gibt, mit der sie in Kontakt treten und die sie beeinflussen können. Darin unterscheiden sie sich nicht grundsätzlich von Anhängern anderer religiöser Lebensentwürfe und Orientierungen wie sie heute z. B. in der Esoterikszene vielfach propagiert werden.
Die Gottesvorstellungen bei Okkultisten können sehr unterschiedlich sein. Sie stammen aus den unterschiedlichsten, auch nichtchristlichen Traditionen. Der Glaube an einen persönlichen Gott fehlt in einem großen Teil des Okkultismus völlig oder wird sogar ausdrücklich bekämpft. Vorstellungen von universalen Kräften, die alles Sichtbare und Unsichtbare durchwirken, sind dagegen weit verbreitet. Die Verehrung von kosmischen, unpersönlichen geistigen und Naturkräften wird als maßgeblich gesehen. Ein teilweise typisches Lehrziel besagt, dass der Mensch selbst Gott ist bzw. durch einen besonderen (geistigen/magischen) Schulungsweg göttliche Eigenschaften erlangen kann. Der Okkultist bemüht sich entsprechend um ein höheres (Geheim-)"Wissen" und versucht, die vermeintlichen übernatürlichen Kräfte je nachdem für sich und seine Interessen zu nutzen, zu beeinflussen bzw. sich vor ihnen zu schützen.  

Der Okkultismus geht von einer zweiten, "anderen" Welt aus, in der andere Gesetzmäßigkeiten als in unserer normalen Alltagswelt gelten. Die irdischen Gesetze von Raum, Zeit, Materie und Energie sind dort unerheblich. Es bedarf eines besonderen Wissens, um diese Gesetze zu durchschauen und zu nutzen. Die Ausgestaltung dieser Über- bzw. Unterwelt(en) bedient sich dabei frei aus den Mythologien der Kulturen der Menschheitsgeschichte. Die dadurch zustande kommenden unterschiedlichen Vorstellungen über diese andere Welt der Gottheit(en), Geister, Dämonen, Lichtgestalten usw. wird so sehr unübersichtlich.
Zur Kontaktaufnahme mit der übersinnlichen Welt bzw. Beeinflussung der dort vermuteten Geistwesen werden besondere okkulte Praktiken angewandt. Am weitesten verbreitet sind Tarotkartenlegen, Gläserrücken und Pendeln. Diese okkulten Deute- und Orakelpraktiken sind vor allem aus dem Spiritismus bekannt und sollen die Befragung von Geistwesen oder Verstorbenen möglich machen. Eine andere Methode im Okkultismus zur Günstigstimmung oder Beeinflussung übersinnlicher Wesenheiten sind die zum Teil in besonderen Zeremonien durchgeführten Rituale. Charakteristisch ist hier die häufig magische Funktion der Rituale (z. B. Anrufungen, Zauberrituale), um damit entsprechende Ziele zu erreichen. Solche magischen Rituale sollen z. B. die gewünschten Liebesgefühle beim ersehnten Traumpartner wecken. Oder jemand will seinem Feind mit einem Zauberritual Schaden zufügen. Dazu werden gerade von jugendlichen Okkultisten einfache Rituale mit Kerzen, Zaubersprüchen, Runen oder anderen symbolhaften Gegenständen durchgeführt. Voodoo-Puppen sind hier beliebt.
Bei den anspruchsvolleren Ritualen, z. B. in okkulten Orden, handelt es sich um zeremonielle Handlungen, die nach einem genau vorgegebenen Muster auszuführen sind, um Gottheiten, übernatürliche Kräfte oder Geistwesen zu verehren, positiv zu stimmen oder besondere Kräfte zu gewinnen. Nach okkult-magischem Verständnis müssen Rituale exakt nach vorgeschriebenen Regeln durchgeführt werden, da sie sonst unwirksam sind oder sich sogar gegen die Ausführenden richten.

Im Okkultismus wird die "Weiße Magie" von der "Schwarzen Magie" unterschieden. "Weiße Magie" soll Gutes bewirken (z. B. Krankheiten heilen); durch "Schwarze Magie" sollen destruktive Kräfte zur Bestrafung oder Rache eingesetzt werden (z. B. tödliche Unfälle herbeigeführt werden).
Im satanistischen Bereich sollen "schwarz-magische" Handlungen grundsätzlich zur Erlangung besonderer übermenschlicher Fähigkeiten und Kräfte führen (deshalb Anbetung der Mächte der Finsternis und demonstrative Glorifizierung destruktiver Handlungen — auch wenn dies in der Regel nur symbolisch geschieht). Eine abgründige Ästhetik des Grauenvollen wird inszeniert, um den Gegensatz zur Idealisierung des Schönen, Wahren und Guten bei der religiösen "Konkurrenz" zu betonen. 
  

Satanismus

Ursprünglich beschreibt der Begriff den Glauben an Satan als dem Gegenspieler Gottes. Damit verbunden ist die Umkehrung aller vermeintlich christlichen Werte: Statt weiß - schwarz, anstatt gut - böse. Frei ausgelebte Lust anstatt Verantwortung für den Anderen; Rache statt Nächstenliebe (siehe "Faltblatt").
Heute gibt es eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Formen des Satanismus bzw. Neo-Satanismus.
Der Glaube an Satan als Person spielt in den meisten dieser Gruppen keine Rolle mehr. Dafür steht der Mensch mit seinem Machtstreben und seinen Allmachtsphantasien stärker im Mittelpunkt, gemäß dem Motto: "Tu was du willst sei das ganze Gesetz" (von Aleister Crowley; dieser kann als der "Vater" des Satanismus des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden).   

Wie sind Satanisten organisiert?

Es gibt ordensähnliche Gruppen, die im Verborgenen handeln, Ritualkleidung benutzen und liturgische Feiern abhalten (so genannter "Ordenssatanismus"). Zahlenmäßig größer dürfte die Gruppe der Anhänger sein, die sich in lockeren Netzwerken oder kleineren Zusammenschlüssen finden und mit Hilfe von zunächst unauffälligen Angeboten im Internet oder über Verlage ihre Ideologie verbreiten und neue Mitglieder suchen. Daneben gibt es eine Reihe von Individualisten, die ihre satanistische Überzeugung leben und sich z. B. im Internet entsprechend darstellen. Schließlich sind die okkult-magischen Praktiken unter Jugendlichen ("jugendspezifischer Satanismus") zu nennen (siehe dazu "Faltblatt").
Fachleute gehen dabei insgesamt von niedrigen, in der Öffentlichkeit meist völlig überschätzten Mitgliederzahlen bei all diesen Satanismusformen aus.
Andererseits gilt die Regel, dass die Gruppen, je kleiner und informeller sie agieren, umso gefährlicher sein können. Je größer eine Gruppe ist, desto stärker kommt eine gruppeninterne Selbstkontrolle zur Wirkung; Einzelgänger sind dagegen unberechenbarer, und dies insbesondere dann, wenn bei ihnen eine narzistische Persönlichkeitsstörung vorliegt (siehe bundesweit bekanntgewordene "Satanismus"-Extremfälle: Ehepaar Manuela und Daniel Ruda oder Hendrik Möbius).  

Satanistische Elemente werden häufig mit Jugendszenen wie "Gothic", dem so genannten "Vampirismus", der Black-Metal-Musikfan-Szene und zum Teil der rechtsextremen Szene in Verbindung gebracht.

  • Zur Gothic-Szene: diese distanziert sich überwiegend vehement vom Satanismus. Sie sieht sich als eine Jugendkultur, die in einem Gefühl schwarzer Romantik den Schattenseiten des Lebens huldigt. Allerdings gibt es auch Berührungspunkte zwischen der Gothic-Szene und dem jugend-spezifischen, auffallen-wollenden Satanismus beim (schwarzen) Outfit, der Vorliebe für geheimnisvolle Symbolik und einer generellen Anti-Haltung gegenüber dem so genannt "Normalen".
  • Der "Vampirismus" ist erst in den letzten Jahren in Erscheinung getreten und bezieht sich in seinen Inszenierungen auf das entsprechende Literatur- und Film-Genre, wobei mit Angstlust festgestellt wird - manchmal wohl auch ganz real - dass Blut ein ganz besonderer Saft ist... (Zum "Vampirismus" siehe Indizierungsverfahren der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften hinsichtlich des Buches "Das Noctemeron" von Frater Mordor (siehe Internetseiten dieses Autors und Begründung der BPJS).  

Satanismus: Richtungen und Motive

Jugendspezifischer, intellektuell eher einfach gestrickter "Satanismus"

Auch hier ist die Spannbreite sehr groß. Die Jugendlichen probieren zumeist das aus, was sie vom Satanismus zu wissen glauben. Ein Einstieg können spiritistische Sitzungen sein, in denen mit der Methode des Gläserrückens "böse Geister" gerufen werden. Härtere Formen wie die Inszenierung "Schwarzer Messen" sind als Experimente nach dem Muster von Darstellungen in den Bild-Medien oder spezieller Genre-Literatur zu sehen. Gerade durch diese scheint sich eine kleine Minderheit Jugendlicher besonders angesprochen zu fühlen.
Wenn es bei härteren Formen von jugendspezifischem Satanismus nach Alkohol-Exzessen oder anderem Drogenmissbrauch zu Friedhofsschändungen und Tieropfer-Ritualen kommt, ist natürlich die Schwelle vom groben Unfug zur Straftat überschritten. Derartigen, immer wieder einmal vorkommenden Vorfällen z. B. im Großraum München geht die Polizei zwar nach, die Aufklärung gestaltet sich aber meist ergebnislos. Im Gegensatz zu der in den Medien immer wieder gestellten Frage, ob "unsere Jugend zum Teufel" gehe, ist die Zahl der einschlägigen Straftaten wie Tierquälerei, Suchtmittelmissbrauch, Störung der Totenruhe und Sachbeschädigung marginal. Insbesondere hinsichtlich der bei ungeklärten Todesfällen von der Sensationspresse oftmals ins Spiel gebrachten angeblichen satanistischen Hintergründe ergaben die staatsanwaltlichen Untersuchungen beispielsweise im Großraum München in den letzten Jahren keine entsprechende Bestätigung.
Aus Sicht der Jugendhilfe erscheinen beim jugendspezifischen Satanismus die psychosozialen Hintergründe und die Psychodynamik in derartigen, eher kleinen, informellen Jugendlichen-Cliquen wichtig. Für die eher naive, dafür teilweise rohere Beschäftigung mit so genannten satanistischen Lehren und Praktiken, scheinen manche Jugendliche mit besonderen psychischen (Entwicklungs-)Defiziten anfällig zu sein. Eine gefährliche Gruppendynamik kann bspw. entstehen, wenn einzelne ältere bzw. stärkere Führerfiguren jüngere und schwächere Mitglieder durch Angstmache und Psychoterror oder gar körperliche Gewalt gefügig machen. Im anderen Fall kann es für eher schwächere Jugendliche zuerst verlockend sein, durch die Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppe an der dort angeblich vorhandenen "Schwarzen Macht" teilzuhaben und sich deshalb zunächst in eine Untergeordneten- oder gar Opferrolle einzulassen. Hier kann weitere Gefahr durch erwachsene Satanisten drohen, wenn sich diese (bspw. zur Erlangung eines von ihnen anders nicht zu befriedigenden Machtbedürfnisses) schwacher und vielleicht abhängigkeitsbedürftiger junger Menschen bedienen.  

Weitere Gefährdungsmerkmale beim Satanismus können sein: Enthemmung durch Drogen sowie Sexualmagie.
In der "härteren Szene" gibt es offensichtlich einen freizügigen, im extremen Fall auch exzessiven Umgang mit Drogen und Sexualität. Damit sollen herkömmliche moralische Schranken und psychische Hemmschwellen abgebaut werden. Erklärtes Ziel ist es, neue, ultimative Erfahrungen zu machen und dabei womöglich höhere geistige Erkenntnisse zu gewinnen. Derartige Ekstase- und Rausch-Erlebnisse, herbeigeführt durch Drogeneinnahme und rituell durchgeführte, bizarre Sexualpraktiken im Sinne von "Sexualmagie", stellen gleichsam die religiöse Ekstase im Satanismus dar. Ein dafür bekannt gewordenes Beispiel, dass in einem solchen Extremfall auch vor eindeutigen Straftaten nicht Halt gemacht wird, ist die Geschichte des früheren Thelema Ordens von Michael D. Eschner. Eschner wurde u. a. wegen sexueller und anderer körperlicher Misshandlungen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Er starb im November 2007. Auf den Internetseiten der Nachfolgeorganisation (diese nennt sich "Thelema-Society") bzw. von M.D.E. wird sichtbar, welche "spirituellen" Konsequenzen aus den Erfahrungen des Thelema Ordens gezogen wurden (siehe: www.relinfo.ch/mde/index.html; www.thelema.de; www.mde-net.de). Sexualmagische Lehren und Praktiken kommen allerdings auch außerhalb satanistischer Szenarien im weiteren Umkreis der Esoterik-Szene vor (z.B. "Linkshändischer Tantrismus" bei gewissen "Sexualtherapeuten").  

Zur abschließenden Einschätzung des Satanismus noch eine gesellschaftskritische Frage: Sind die Satanischen Ideologien als Symptom unserer Erlebnis-, Konkurrenz- und Ellbogengesellschaft zu sehen?

Die satanistischen Lehren, psychomanipulativen Strategien und magischen Praktiken dieser "sehr speziellen" Szene sehen sich zum Teil als die ehrlichere Antwort auf gesellschaftliche Widersprüche und den üblichen Umgang mit den Gesetzlichkeiten der menschlichen Natur. Bürgerliche Moral und christlich geprägte Normen und Werte werden als angeblich scheinheilig entlarvt und deshalb systematisch umgewertet, ja zum Teil ins genaue Gegenteil verkehrt. Nietzsches (missverstandene?) Philosophie und entsprechende sozialdarwinistische Ansichten bzw. der Mythos vom Übermenschen, der sich das Recht nimmt, sich über alle Konventionen und Gesetze zu stellen, klingen hier an. Egomanie und aggressive Selbstinszenierung bis hin zum Versuch der "Selbstvergottung" werden als Gegenentwurf zum integrationsbereiten Normalbürgertum propagiert. Zur Durchsetzung dieser Ziele fällt dem Satanismus als entscheidendes Mittel allerdings nur ein, die dunklen Mächte anzurufen und durch magische Handlungen zur Unterstützung seines Kampfes zu bewegen. Dass auch im Satanismus apokalyptische Endzeitvorstellungen wichtig zu sein scheinen, ist bei der düsteren Perspektive, für die der Satanismus letztlich steht, nicht verwunderlich.  

An welchen Merkmalen erkennt man eine ernstzunehmende Gefährdung?

Gerade in den ernstzunehmenden Fällen werden bereits im Anfangsstadium alle Auffälligkeiten vermieden, um im Geheimen weitermachen zu können (typische Gepflogenheiten im Satanismus sind am Beispiel des Versuchs der Rekrutierung Jugendlicher bei der Church of Satan sichtbar: siehe "Jugendkommunique der Kirche Satans" www.baphoed.de/pageID_4768817.html.

Eine definitive Bestätigung gibt es nur, wenn sich der Betroffene durch seine Handlungen oder sein Bekenntnis zum Satanismus klar zu erkennen gibt. Auffällige schwarze Kleidung oder die Benutzung einschlägiger Symbole (umgedrehtes Kreuz, Pentagramm, Satansgruß o.ä.) sind in der Regel kein Beleg für Satanismus im engeren Sinn.

Für Außenstehende ist nur sehr schwer erkennbar, ob sich ein Jugendlicher mit Ideen des Satanismus beschäftigt oder bereits Kontakt zu einer entsprechenden Gruppe hat: Wer sich als Satanist zu erkennen gibt, will vielleicht nur angeben oder provozieren. Andere, die sich bspw. als verfolgte Aussteiger(innen) melden und voller Angst Horrorgeschichten erzählen, sind zu einem großen Teil psychisch beeinträchtigte Personen, die sich so intensiv in einen, v. a. "angelesenen Satanismus" hineingesteigert haben, dass für sie aus Fiktion schließlich subjektiv erlebte Realität geworden ist. In diesen Fällen ist unbedingt eine professionelle Beratung bzw. Psychotherapie angezeigt, die mit den Besonderheiten solcher "pseudo-satanistischer", dissoziativer Identitätsstörungen diagnostisch und therapeutisch qualifiziert umgehen kann. Gerade bei Jugendlichen in der Pubertät und altersbedingten Identitäts- und Ablösungskrisen muss das Erlebte sehr ernst genommen werden. In solchen Fällen ist es zunächst zweitrangig, welche Erlebnisanteile mit der tatsächlichen Realität übereinstimmen und welche nicht. Nur so lässt sich das für die gemeinsame therapeutische Aufarbeitung des Erlebten nötige Vertrauen gewinnen. 

Besondere Einzelmerkmale (Auswahl unter anderem aus o. g. "Faltblatt"):
Ein konkreter Verdacht besteht, wenn einschlägig satanistische Literatur intensiv studiert wird, z. B.:
Die Satanistische Bibel. Das Necronomicon. 6. und 7. Buch Mose. Magische Rituale, Satanische Magie oder andere Schriften von Aleister Crowley, Anton LaVey, Gregor A. Gregorius (alias Eugen Grosche), Ralph Tegtmeier, Michael D. Eschner, Josef Dvorak; neuerdings: Zeitschrift "Schwarz & Magisch" aus dem Umkreis der "Church of Satan".
Prominente Akteure/Autoren in diesem Bereich sind: Lars Peter Kronlob, Oliver Fehn, Chris Redstar, Herbert Paulis ("herbert`s dark corner" im Internet).

Weitere Merkmale:

  • Besucht die Person einschlägige Websites im Internet?  
  • Finden sich in seinem/ihrem Zimmer Totenschädel, schwarze Kerzen, Hostien, altarähnliche Aufbauten, Poster mit Horrorszenarien...?  
  • Wird ein eigener Ritualkalender (mit Ihnen unbekannten oder unverständlichen Aktivitäten) geführt?  
  • Gibt es öfter unklare nächtliche Aktivitäten?  
  • Wenn ein Betreffender der Meinung ist, man könne bedenkenlos körperliche Gewalt gegenüber Schwächeren einsetzen, dann könnte eine solche Auffassung auch durch satanistisches Ideengut bedingt sein.  
  • Teilt der/die Betreffende mit Ihnen seine Probleme und Fragen, oder ist er/sie extrem verschwiegen und begegnet Ihnen nur in provokanter Weise?  
  • Ist der Betreffende verunsichert oder verängstigt? 
  • Gibt es unerklärliche Schnittwunden, besonders an den Oberarmen? Häufen sich blaue Flecken oder andere Verletzungen? Sind die Haare verschnitten?  

Was ist für Familienangehörige, Freunde und Jugendhilfe-Fachkräfte im Falle eines Satanismusverdachts wichtig zu wissen?

  • Es gilt, jede Gesprächsmöglichkeit zu nutzen, geduldig zuzuhören.  
  • Die Beziehung muss aufrechterhalten bleiben bzw. wieder hergestellt werden. Wenn dies nicht, oder nicht mehr möglich ist, sollten andere Vertraute um Vermittlung gebeten werden (dies ist besonders wichtig bei Ablösungs- und Pubertätskonflikten, Kommunikations-/ Kontaktabbruch usw.).  
  • Vertrauen schaffen hat erste Priorität. Echtes Interesse an der Person zeigen — nicht drohen, verurteilen, belehren, maßregeln.  
  • Ausnahmen: Beziehungsabbruch und drohende Gefahr für den Betroffenen oder Dritte (Kinder): Dann je nach Einzelfall ultimative Einforderung von "Mindest-Zugeständnissen" wie z.B. die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen (Beratung/Therapie) bzw. notfalls Einschaltung von Jugendamt, Polizei.  
  • Das Verhöhnen und Verteufeln der Glaubensvorstellungen von Betroffenen führt nur zu deren Rückzug in eine innere, möglicherweise bedrohliche Innenwelt bzw. in eine sich nach außen abkapselnde Gruppe (siehe Beispiel: Church of Satan/"Jugendkommunique"). Ungewöhnliche Erfahrungen sind für Betroffene erlebte Tatsachen. Nehmen Sie die Erfahrungen der Betroffenen ernst.  
  • Beobachten Sie genau, halten Sie Namen, Adressen und andere konkrete Daten und Hinweise fest.
  •  Informieren Sie sich kritisch über die Ideologien und Praktiken, durch die die betreffende Person auffällt. Vielleicht ist die Sorge unbegründet?  
  • Nehmen Sie unbedingt frühzeitig fachliche Hilfe an, wenn Sie die mögliche Gefährlichkeit einer Entwicklung nicht einschätzen können und verunsichert sind. Dies gilt natürlich insbesondere dann, wenn die betreffende Person oder Clique versucht, Druck auszuüben oder Angst und Schrecken verbreitet. Auch bei überraschendem Kontaktabbruch oder Verschwinden sollte fachliche Hilfe gesucht werden.
  • Im Extremfall, also bei Gefahr im Verzug, bspw. durch (drohende) Kindeswohlverletzung, ist nötigenfalls die Polizei einzuschalten.  

Reaktionsmöglichkeiten im Sinne von Prävention und Jugendschutz

  • Möglichkeiten nach dem Jugendschutzgesetz, vor allem im Sinne des Jugendmedienschutzes: Indizierungsanträge (siehe Bsp. "Noctemeron");  
  • Bei Kinder- und Jugendgefährdung durch Internetseiten: Hinweis an "Jugendschutz.Net" (www.jugendschutz.net) bzw. zuständige Polizeidienststellen.  
  • Aufklärende bzw. warnende, aber sachliche Öffentlichkeitsarbeit durch die Medien unterstützen.  
  • Streetwork mit gefährdeten Gruppen/Cliquen; Kooperation mit Jugendpolizei (einschlägige Treffs).  
  • Jugendarbeit: Kritische Aufklärung und Sensibilisierung; einschlägig gefährdeten Jugendlichen Alternativen bieten. (Die Prävention sollte keinesfalls extremen christlich-fundamentalistischen Gruppen überlassen werden.)  
  • Zusammenarbeit von Jugendamt und Schule.  

Zur weiteren fachlichen Beratung und ggf. Weitervermittlung bei (Verdacht auf) Kindeswohlbeeinträchtigung, Jugendgefährdung sowie zu Fragen der Aufklärung und Prävention bei konkretem Anlass steht das Landesjugendamt gerne zur Verfügung.  

Helmar Bluhm

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