aus: BLJA Mitteilungsblatt 2/1995
Gefahr durch Rechtsrock?
Verunsicherte Jugend auf der Suche nach Idolen
Zwei Drittel der jungen Menschen leben in einem moralischen Niemandsland und können zwischen Gut und Böse nicht mehr klar unterscheiden, behauptet eine repräsentative Umfrage in England. Von den christlichen "Zehn Geboten" seien den meisten maximal drei bekannt. Idole der heutigen Jugend sind Mutter Teresa (25 %) und der Papst (17 %). Der irische Popstar Bob Geldof, Popstar Sting sowie die Rock-Gruppe U 2 wurden als "moralischer" eingeschätzt als Premier John Mayor.
Musikinterpreten haben auch als moralische Instanzen Konjunktur. Dies darf mit gewissen Einschränkungen ebenfalls für deutsche Jugendliche gelten. Der hohe Stellenwert, welchen besonders Jugendliche von 12 bis 20 Jahren den Musikmedien beimessen, trifft heute auf eine breite Palette von Stilrichtungen und Mischformen. Allein die Richtung "Metal" untergliedert sich in Heavy Metal, Crash Metal, Death Metal, Grunge, Poser, Crossover und White Metal. "Metal" sei hier deshalb hervorgehoben, weil es eine große Fan-Gemeinde unter Jugendlichen besitzt und ein Multimillionen-Dollar-Geschäft darstellt sowie in Randbereichen wiederholt sektiererisches und faschistoides Gedankengut auftauchte. In Deutschland sind die Gruppen "Die Ärzte" und "Kreator" ebenso vertreten, wie international agierende englische und US-Bands. Death Metal bringt ultraharte, dissonante Musik mit okkulter Symbolik und Horrorfilmdarstellungen.
Wenngleich Fachjournalisten feststellen, daß die Versuche der neofaschistischen Rechten, Einfluß auf die "Szene" zu gewinnen, gescheitert seien, so darf nicht übersehen werden, daß nach wie vor Mischformen existieren und beispielsweise die osteuropäische "Heavy Metal-Szene" unter erheblichem Einfluß von nationalistischen und rassistischen Gruppen steht. Russische Metal-Bands lärmen für Schirinowski und geben sich als Hitler-Verehrer.
Musikstil und äußere Erscheinungsformen der Metal-Szene weisen in martialischer Erscheinung und lauter und exzentrischer Musikdarbietung manchmal Ähnlichkeiten mit der Szene der Rechts-Rocker auf. Letztere ist allerdings inhaltlich schlichter, äußerlich schwärzer, musikalisch einfältiger und unterscheidet sich im Kopfbild der Musiker deutlich. Nicht farbige und exzentrische Frisuren, sondern die blanke Glatze oder der militärische Kurzhaarschnitt dominieren hier.
Bereits in den späten 70er Jahren fesselte der britische Skin-Musiker Jan Stuart die wachsende Zahl der national orientierten rechten Jugend. Seine Themen waren der "Überlebenskampf der weißen Rasse und die zionistische Weltverschwörung". Anfang der 80er entwickelte sich auch in Deutschland eine ca. 2.000 Jugendliche umfassende Skin-Gemeinde. Sie erhielt bereits vor der Wende Verstärkung aus dem Osten. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands verstärkte sich die Radikalisierung der rechtsorientierten Jugendlichen. Nach Erkenntnis des Verfassungsschutzes liegt die Zahl der Skins in Deutschland derzeit bei ca. 6.500, davon seien 4.500 dem gewalttätigen rechtsextremen Spektrum zuzuordnen. Der Anteil an Frauen ist verschwindend gering.
Die wichtigen Artikulationsmedien der rechtsextremen Szene sind Fancines (laienhaft hergestellte, geheftete Publikationen mit geringer Auflage und Verbreitung - 50 bis 3.000), Mailboxen, Computerspiele und Musik. Von allergrößter Bedeutung für die Breitenwirksamkeit der Rechts-Rock-Musik sind allerdings die "seriösen" Medien. Erst durch die Präsentierung von Gruppen wie "Störkraft" in Fernseh-Talkshows und breitester Problematisierung in Printmedien (u. a. "Spiegel") wurde der Run auf die Plattenläden und Versandanbieter erzeugt.
Live-Musikdarbietungen in Gaststätten und auf Musikkassetten waren und sind für die weniger bekannten Gruppen Wege der Verbreitung. Mit der Zunahme des Interessenten- und Sympathisantenkreises wurde jüngst die Verbreitung rechtsradikaler Musik auch auf die Compactdisc übertragen.
Mit der Publizierung der Problematik der Rechts-Rock- Musik in deutschen Massenmedien entstand der vieltausendfache Fan-Zulauf, der Tonträgern auch der extremeren Gruppen zu größeren Stückzahlen verhalf. Der Markt wird mittlerweile von weltweit 200 Bands bedient. Daneben existiert eine nicht bekannte Zahl von lokalen Radikal-Combos, die meist ohne offizielle Vorankündigungen in Hinterzimmern ihre Konzerte vor 20 bis 100 "Glatzen" durchführen. Die Werbung hierfür erfolgt innerhalb der Szene über Mundpropaganda, Telefon oder Mailboxen. Große Konzerte mit mehreren Gruppen und entsprechendem Werbeaufwand unterliegen oft massiven Einschränkungen wie z.B. von Kommunalreferaten ausgesprochenen Altersbegrenzungen. Diese Konzerte sind daher seltener geworden. Angesichts größer werdender Popularität einzelner Gruppen verflacht oft auch das extreme rechte Profil, da die kommerziellen Erwartungen über die politische Grundhaltung siegen. Als Beispiel dafür könnten die "Böhsen Onkelz" gelten.
Die bekannten Bands bringen mittlerweile unter den Labeln "Rock-O-Rama", "Skull-Records", "Rebelles Europe‘ns", Schallplatten und CDs in erheblichem Umfang auf den Markt. Allein "Rock-O-Rama" editiert jährlich 100.000 Tonträger mit rechtsextremer Musik. Die aktuellen Bestellkataloge dieser Firma umfassen ein internationales Sortiment mit Angeboten der Interessensparten "Street Rock‘n Roll", "Oi-CD‘s", "Skinheads Heaven", "Psycho-CDs". Auch Musikvideos der Gruppen werden vermarktet. Der Jahresumsatz liegt derzeit (inkl. Importe ausländischer Bands) bei ca. 2 Mio. DM. Von den 100.000 verkauften Tonträgern wird noch einmal eine mehrfache Anzahl als Raubkopien erstellt, so daß von einer Verbreitung in der Größe von 250.000 Exemplaren rechtsradikaler Tonträger im Jahr ausgegangen werden muß. Wenngleich die harte Szene als überschaubar gilt, so muß man von einer nennenswerten Verbreitung rechtsradikalen Lied- und Gedankengutes im weicheren Umfeld ausgehen.
Einige der Tonträger der rechtsradikalen Szene wurden im Landesjugendamt geprüft. Dabei bestätigte sich die Einschätzung verschiedener Fachleute zur mangelhaften Qualität der Erzeugnisse. Die meisten der jungen Bands sind handwerklich schlecht und musikalisch uninspiriert. Ihr Können erreicht selten die mittlere Qualität von Heavy-Metal-Bands. Die Texte sind in vielen Fällen nahezu unverständlich, weil ungenügend abgemixt oder zur Unverständlichkeit gebrüllt.
Gleichwohl verfügen die Songs über außerordentliche Provokationskraft und bilden damit die Folie für das subkulturelle Feld. Musik drückt Lebensgefühl und Haltungen aus. Dies tut sie nicht mit rationaler Argumentation oder pädagogisch geleiteter Intention, sondern über das Gefühl und die intensiv wahrgenommene (also laute) Tonwahrnehmung. Provokation gegen das "Beton-Establishment" und emotionalisierte Kurzzeitfaszination im Gruppenkontext mit abgrenzenden Heilsversprechungen ergeben die Basis dieser "Rechts-Kultur". Meist ist Alkohol dabei.
Einzelne Werke sind bitterböse, aggressiv und eindeutig faschistisch, rassistisch und/oder gewaltverherrlichend. Die Mehrzahl der Texte präsentiert diffuse nationalistische Ziele, deutliche Abneigung gegen alles Andersartige - v.a. gegen Ausländer und Linke. Ein Textbeispiel aus der im Bayerischen Landesjugendamt geprüften CD "Sturmgesang":
Mörder
Du kommst aus dem Ausland
bringst den Tod mit herein
Du verführst zu harten Drogen
du Dealerschwein
Du bist hier fremd
tötest deutsche Kinder
Du machst sie süchtig
Sie werden immer blinder
Du Mörder - Du Schwein
Du Mörder, verdammtes Schwein
Allen, die es nötig haben
verkaufst Du Deinen Stoff
undeutsches Verhalten
Das kostet Dich den Kopf
Ein kapitalistischer Mörder
eine graue Maus
Drück Dir selbst Deinen Stoff- Raus!
Du Mörder - Du Schwein
Die Kunden derartiger Machwerke - darüber besteht weithin Einigkeit - sind nicht nur die ausgegrenzten mit erheblichen sozialisatorischen Defiziten versehenen Jugendlichen. Rechtsextremistische Orientierungen verteilen sich quer durch das soziale Spektrum unserer Gesellschaft. Aus der "Protestecke" kommen bürgerlich herangewachsene "Freizeit-Skins"; Kinder biederer Mittelschichtsfamilien werden Brandstifter; nach Aktion suchende gelangweilte Jugendliche mit proletarischem Hintergrund "Klatschen Ausländer". Rechtsradikale Meinungen zu vertreten ist eines von vielen Lebensstilangeboten mit sektoriell hohem Akzeptanzgrad. Die Musik bietet dabei den Identifikationsrahmen, in dessen Hintergrund die zunehmende Akzeptanz von Ab- und Ausgrenzung steht. Dabei spielen Rezession, Arbeitslosigkeit und ökologische Bedrohung sicherlich eine (noch nicht erforschte) bedeutsame Rolle.
Welche adäquaten Reaktionen können und sollen nun erfolgen?
Durch eingreifende und kontrollierende Maßnahmen können die Aufgaben im Jugendschutz nur bedingt erfüllt werden, da es sich überwiegend um die Medienrezeption im Privatbereich handelt. Die Möglichkeiten staatlicher Einflußnahmen sind hier sehr begrenzt. Sozialpädagogische Projekte, wie in der GMK-Schrift "Rock von Rechts" (siehe Literatur) dargestellt, können als primär- und sekundärpräventive Maßnahmen zu Lösungen führen, wenn nicht kurzatmige Lösungen gefordert werden, sondern mittel- und langfristig gearbeitet werden kann.
Es ist wichtig, das Problem anzunehmen. Die gesellschaftliche Achtung eines Teils der Jugend, die sich als "Rechts" fühlt, führt zu weitergehender Ausgrenzung und damit zu einer Verschärfung des Problemes. Problematisch erscheint, daß "normale" Jugendliche beklagen müssen, kaum in Förderprogramme (hier: Sonderprogramm gegen Aggression und Gewalt der Bundesregierung) aufgenommen zu werden, dafür müsse man schon "Rechts" oder "Links" sein. Eine ausschließliche Kriminalisierung ohne breite pädagogische Betreuung würde zu geheimbündlerischer Organisation und zur Verfestigung der rechten oder rechtsterroristischen Haltungen führen.
Gleichwohl ist es gesetzliche Vorgabe, die Wucherungen des Medienmarktes mit ihren schädlichen Einflüssen auf Kinder und Jugendliche zu bekämpfen. In allen Medienbereichen sind Kontrollen durch die Jugendämter angezeigt und werden - wenn auch in sehr unterschiedlichem Maß - durchgeführt. Wenngleich die Wirksamkeit der Indizierungspraxis angezweifelt wird, so darf auf diese Handhabe nicht verzichtet werden, da im Markt Rahmenbedingungen gesetzt werden und einer Eskalation sozialschädlicher Haltungen etwas entgegengesetzt werden muß. Der Beleg über eine eventuelle kontraproduktive Wirkung der Indizierung müßte erst geführt werden. Die Beschränkungen durch das einschlägige Gesetz über jugendgefährdende Schriften greifen im Bereich des legalen Handels allemal.
Die Indizierungspraxis sollte allerdings nicht aufgeregt und nicht polemisch (d. h. nicht mit breiter publizistischer Begleitung) erfolgen, da die empörte Diskussion den Grad der Provokationsleistung steigert, was derlei Medien für Jugendliche erst recht attraktiv macht. Falsch wäre es, zu glauben, daß die Indizierung an sich bereits zur Erzeugung eines Untergrund-Gefühls diente. Erst die massenmediale Ausschlachtung des Vorganges erweckt den Popanz vermeintlicher Unterdrückung der Meinungsfreiheit.
Fazit
Rechtsorientierte und rechtsradikale Musik hat Auswirkungen auf Jugendliche. Wenn auch nicht von einem universellen Massenphänomen die Rede ist, so sollte nicht unterschätzt werden, daß ein nicht geringer Teil der Jugendlichen Kontakt mit derlei Musik hat und sich aus unterschiedlichen Beweggründen und in unterschiedlicher Intensität mit dieser Musik identifiziert. Diese ist immerhin Bestandteil einer die Demokratie schädigenden Bewegung; sie ist Vehikel neo-nazistischen Gedankengutes.
Im Zusammenhang mit rechtsextremen Gewalttaten kann diese Musik zur Bestätigung - im seltenen Fall auch zur Aufforderung werden, solche Taten zu begehen. Staatsanwaltschaften, Ordnungsbehörden, Jugendämter und die Jugendarbeit sind deshalb gefordert, die Erscheinungsformen zu registrieren und im jeweiligen Kontext aktiv zu werden.
Luitpold Will
Quellen
(1) JMS-Report 5/94, Die neuen "Zehn Gebote" der Jugend
(2) rock von Rechts, GMK-Schriften zur Medienpädagogik Nr. 14, Bielfeld 1994
(3) Medien Concret, Magazin für die pädagogische Praxis, November 1994, Sieg-Heil-Rock
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