Jugendliche Sexualtäter

Obwohl das Thema sexueller Missbrauch seit einigen Jahren von den Medien wie auch in der Fachliteratur verstärkt aufgegriffen wird, werden sexuelle Grenzüber­schrei­tun­gen durch Kinder und Jugendliche nicht nur innerhalb der Familien z. T. noch stark tabuisiert und bagatellisiert. Die kriminologischen Dunkelziffern sind in diesem Bereich offenbar sehr hoch. Der Wildwasser Nürnberg e. V. geht beispielsweise davon aus, dass jedes 3. bis 4. Mädchen und jeder 8. bis 10. Junge von sexualisierter Gewalt gegen Kinder betroffen ist. Die eines sexuellen Gewaltdelikts immerhin polizeilich Verdächtigten sind laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) 2002 zu ca. 20 % unter 21 Jahre alt; nach Enders[1] werden gar etwa ein Drittel aller Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Jungen und männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren verübt, ein kleiner Teil auch von Mädchen und jungen Frauen. Menschen, die zu sexuellen Übergriffen neigen, benötigen klare und konsequente Grenzsetzung. Umso wichtiger ist es, für Dritte belastende Handlungen oder Äußerungen so frühzeitig wie möglich zu stoppen. Schon entsprechend auffällige Kinder und Jugendliche bedürfen, um Fehl­haltungen und Fehlverhalten nicht zu verfestigen, gegebenenfalls einer Therapie. Sozialpädagogische Fachkräfte und Sozialleistungsträger sind gefordert, diese Pro­ble­ma­tik zu erkennen und ihrer Tragweite entsprechend frühestmöglich Hilfen anzubieten oder zu vermitteln.

Das Bayerische Landesjugendamt[2] hat bezüglich der Opfer auch sexueller Gewalt seine Publikation "Schützen - Helfen - Begleiten. Handreichung zu den Aufgaben der Jugendhilfe bei Gewalt gegen Kinder und Jugendliche" im Jahr 2004 in bereits 3. über­arbeiteter Auflage herausgegeben. Das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen gab sein kostenloses Heft "Handeln statt Schweigen. Information und Hilfe bei sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche", ebenfalls überarbeitet 2005, neu heraus (Zur Missbrauchsprävention in Schulen ab der 4. Klasse bietet es die DVD "Trau Dich" an). In beiden Schriften werden grundlegende Handlungsorientierungen für die schwierige Arbeit der Jugendämter, insbesondere der Fachkräfte in der Bezirkssozialarbeit und in den Sozialen Diensten gegeben, wobei die Hilfe für die Opfer im Vordergrund steht.

Der vorliegende Beitrag will ergänzend informieren, welche Materialien und In­sti­tu­tio­nen die Arbeit mit jungen Menschen als Täter unterstützen können; ge­ge­be­nen­falls auch, um Fachkräfte für einschlägige Fortbildungsmöglichkeiten, Supervision etc. zu finden. Wegen der Zusammenhänge werden zudem weitere entsprechende Hinweise zu Kindern und Jugendlichen als Opfer angefügt.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren in Köln hat in enger Abstimmung mit der Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Kinder und Jugendliche schützen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung" Qualitätsstandards für den professionellen Umgang mit sexuell grenzverletzenden Kindern und Jugendlichen erarbeitet und im Mai 2005 veröffentlicht. Das "Konzept für ein bundesweites Modellprojekt" gibt z. B. Empfehlungen für die Arbeit mit sexuell auffälligen Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter, mit älteren Kindern, mit Jugendlichen ohne und mit Strafanzeige, mit Jugendlichen, bei denen der Tatverdacht von der Staatsanwaltschaft verneint wird, mit Verurteilten; ebenfalls Empfehlungen zur Schaffung von Verbindlichkeit und Motivation, zum Umgang mit Strafanzeigen, zur Entwicklung von Kooperationsstrukturen, zur Qualifikation von Mitarbeitern und im Anhang sehr ausführlich zum Datenschutz.[3]

Das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung (LSJV) Rheinland-Pfalz hat zwei Fachtagungen "Erkennen, Betreuen und Behandeln von jugendlichen Sexualtätern" dokumentiert (www.lsjv.rlp.de). Anhand von Fallbeispielen werden exemplarisch Persönlichkeits-, Familien- und Deliktstrukturen sowie die Gesamtkomplexität verdeutlicht und daraus wiederum konkret hilfreiche Erkenntnis-, Entscheidungs- und Handlungsschritte abgeleitet.
Da auch Kinder, also Strafunmündige ins Blickfeld genommen werden, wird von "Sexualtätern" und nicht "Sexualstraftätern" gesprochen. Dabei werden, auch im Zusammenhang mit der Risikobeurteilung, Hinweise gegeben zur Unterscheidung von kindlichem bzw. jugendlichem Experimentierverhalten und sexuellen Übergriffen unterschiedlichster Art: sogenannte Hands-off-Delikte (Voyeurismus, Exhibitionismus, obszöne Telefonanrufe etc.) wie auch Hands-on-Delikte, bei denen es zu körperlichen Übergriffen kommt. Die notwendige Feststellung, dass nicht jeder Übergriff ein schweres Sexualdelikt ist, sollte insofern relativiert werden, als sich je nach Opferpersönlichkeit und vielfältiger Gesamtsituation unter Umständen auch "relativ harmlose" Vergehen traumatisierend auswirken können. Es verwundert, dass die meisten Fachleute dort nicht nur jeweils die Klärung der Frage "Anzeige notwendig oder angeraten?" forderten, sondern bei Strafmündigen ausnahmslos eine Anzeige oder Selbst anzeige für erforderlich halten (der nachfolgend erwähnte Ratgeber aus Nordrhein-Westfalen sieht dies differenzierter). Allerdings macht die Schrift auch deutlich, wie sehr jugendliche Täter versuchen, Anforderungen auszuweichen, also klare Verbindlichkeiten benötigen. Das Landesjugendamt Rheinland-Pfalz kommt nach intensiver Befassung mit der Thematik zum Ergebnis, dass jugendliche Sexualtäter alle zumindest auch erheblichen erzieherischen Bedarf aufzeigen, die Jugendhilfe also trotz etwaiger psychischer Erkrankung und daher zusätzlicher jugendpsychiatrischer Behandlung mit eingebunden sein oder bleiben sollte.

Das Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen gab den "Ratgeber für den Umgang mit sexuell auffälligen Jungen: erkennen - verstehen - handeln" heraus (www.mgsff.nrw.de Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration). Theoretische Informationen werden anhand von Fallbeispielen erläutert. Die Publikation spricht zwar hauptsächlich von männlichen sexuell auffälligen Jugendlichen, betont jedoch, dass Täterinnen ebenso ernst genommen werden müssen, auch wenn sie nur etwa 3 % der jungen einschlägig Tatverdächtigen ausmachen. Den Begriff "Pädophilie" (eigentlich "Liebe zu Kindern") oder "pädophile Verhaltensweise" vermeidet die Schrift zugunsten "pädosexuell".
Kränkungen werden als häufige Ursachen für spätere Übergriffe benannt, also als Versuche, eigene Ohnmachtserinnerungen bzw. einschlägig erlittene Opfererfahrungen zu verarbeiten. Entsprechend werden Mechanismen in betroffenen Familien geschildert und

  • trotz meist größerer Distanz und Reflektionsfähigkeit
  • teilweise auch in Jugendhilfeeinrichtungen (wegsehen, "klein reden", überreagieren etc.).

Damit ergibt sich vielfach die Notwendigkeit, von außen aufzudecken und zu helfen.
In Hilfeplangesprächen mit den Jugendämtern sollten generell der sexuelle Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen und die Beobachtungen aus der Gruppe berücksichtigt werden. Beratungsstellen können auch anonym konsultiert werden. "Sofern allerdings ein Junge Unterstützung bekommen soll, ist eine Schweigepflichtentbindung gegenüber den mit der Angelegenheit befassten Institutionen und betroffenen Personen notwendig, um die Hilfemaßnahme abzustimmen". Das Heft betont die Bedeutung der Transparenz auch damit: "Sofern dem keine zwingenden Gründe entgegenstehen, geschieht nichts hinter dem Rücken der Jungen und ihrer Angehörigen. ... Strafanzeigen werden von diesen Einrichtungen nicht erstattet. Wenn ... keine Zusammenarbeit möglich ist und begründete Sorge besteht, dass der sexuelle Missbrauch an Kindern nicht anders gestoppt werden kann, wird das zuständige Jugendamt informiert. ... In der Regel wird die Hilfe für den Jungen mit der Hilfe für das geschädigte Kind abgestimmt, um Tatwiederholungen zu vermeiden und zu verhindern, dass der Junge das Opfer unter Druck setzt".
Die Autoren sprechen kurz an, welche Handlungen aus unbedenklichem sexuellem Interesse erfolgen und welche schädigen, wo ambulante und wo stationäre Hilfen, wo Gruppen- und wo Einzeltherapie erfolgen sollen. Etwas intensiver wird herausgearbeitet, welche Vorteile eine Strafanzeige hat und wie diese mit möglichen Problemen z. B. in der Elternarbeit abzuwägen sind. Schließlich wird deutlich, dass therapeutische Arbeit mit sexuell übergriffigen Jungen eine wirksame Form der Vorbeugung und des Opferschutzes darstellt, zumal ein Teil der Opfer später seinerseits Missbrauchserfahrungen "weitergibt"[4].

Das Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung (IzKK) beim Deutschen Jugend institut e. V. gibt in unregelmäßigen Abständen inhaltsreiche "IKK-Nachrichten" heraus (www.dji.de/izkk). Generalthema der Doppelausgabe 1-2/2004 ist "Sexualisierte Gewalt durch Minderjährige". Es beinhaltet u. a. einen Überblick zum Forschungsstand, Überlegungen zu einem integrativen Behandlungskonzept, zu Defiziten im Umgang mit sexuell devianten Minderjährigen, zur sexuellen Gewalt von Frauen und Mädchen, Berichte zu ambulanten und stationären Projekten sowie zur Behandlung junger Sexualstraftäter in der sozialtherapeutischen Abteilung der Justizvollzugsanstalt München, weitere Literaturempfehlungen etc.

Mit der besonderen Problematik konfrontierte Jugendhilfefachkräfte werden sich gegebenenfalls mit spezialisierten Einrichtungen beraten und in entsprechenden Fällen auch dorthin weiter vermitteln:

Täter- und Opferarbeit für Kinder und Jugendliche leistet z. B. das Kinderschutz-Zentrum in München; für jugendliche Täter insbesondere in Form von Einzelberatung und einer therapeutischen Gruppe. An Literatur hat es u. a. "Sexuelle Gewalt männlicher Jugendlicher - Psychosoziale Hilfen für Jungen und ihre Familien" vorgelegt.
Der pro familia Würzburg e. V. erarbeitete im Oktober 2001 innerhalb des Projektes "Prävention, Beratung und Therapie bei sexuellem Missbrauch von Mädchen und Jungen" ein Konzept mit dem neuen Schwerpunkt "Präventionsmaßnahmen bei Jungen und männlichen Jugendlichen". Jungen können oft nur schwer mit der Erfahrung von Hilflosigkeit insbesondere bei sexueller Gewalt umgehen, weil dies dem Vorstellungsbild von traditioneller Männlichkeit nicht entspricht. Sexualpädagogische Jungenarbeit bietet ihnen deshalb innerhalb von Jungengruppen und in der Einzelberatung die Möglichkeit, in einem geschützten Rahmen offen und ehrlich über Hoffnungen und Ängste im Bereich von Liebe, Partnerschaft und Sexualität sowie über sexuelle Gewalterfahrungen zu sprechen und therapeutische Hilfeangebote zu nutzen. Beratung und Therapie werden aber auch darüber hinaus für missbrauchende junge Menschen und Erwachsene angeboten. So gibt es beim pro familia Würzburg e. V. seit Kurzem ein neues gruppen-psychotherapeutisches Angebot für sexuell auffällige oder sexuell straffällig gewordene männliche Jugendliche und junge Erwachsene. Ebenfalls sowohl für Täter als auch für Opfer zuständig ist die in Nürnberg bestehende Beratungsstelle für gewaltbetroffene männliche Jugendliche "Paroli" im Jugendhilfeverbund Schlupfwinkel e. V. AVALON, Notruf- und Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt e. V. in Bayreuth, leistet neben Hilfen für Geschädigte auch Präventionsarbeit in Kindergärten und Schulen und bietet Selbstbehauptungskurse für Mädchen und Frauen sowie - insofern eine Besonderheit - auch für Jungen an. AVALON macht darauf aufmerksam, dass häufig erst aufgrund des Verhaltens des Opfers deutlich wird, dass es im Umfeld einen Täter geben muss. Der Verein empfiehlt auch von daher entsprechende Kooperation.
Auch die "Zentrale Koordination der internen Fachberatung in (Verdachts-)Fällen von sexueller Kindesmisshandlung" im Stadtjugendamt München ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu entsprechender Beratung bereit.

Der Verein zur Abschaffung von sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt und das Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch Amyna e. V. in München ist zum Schutz von Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt speziell in der Prävention tätig, in allen Aufgabenbereichen auch interkulturell mit den entsprechenden zusätzlichen Aspekten. Verein und Institut arbeiten ausschließlich mit Erwachsenen, insbesondere mit Pädagogen, Ehrenamtlichen in der Jugendarbeit, auch Angehörigen. Amyna bietet an: Fort- und Weiterbildung zur Vorbeugung und Verdachtsabklärung, auch in Form von Modulen und Inhouse-Schulungen, Elternabende, telefonische, schriftliche und persönliche Präventionsberatung, einschlägige Präsenzbibliothek und Bücher im Eigenverlag, Öffentlichkeitsarbeit. Gefährliche Tendenzen sollen frühzeitig erkannt werden, um entsprechende Reaktionen zu ermöglichen. Dazu muss für die Problematik sensibilisiert werden. So weist Amyna z. B. hin auf das scheinbar harmlose Fotografieren nackt im Bassin planschender Kinder, das Persönlichkeitsrechte der Kinder verletzen kann: nicht erst, wenn solche Bilder im Zusammenhang mit Kinderpornografie ins Internet gestellt werden.

Das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen weist auf seiner Homepage auf nähere Informationen zur Täterarbeit hinunter den Links: www.4uman.info, www.sexualmedizin.charite.de, www.maennerbuero-mainfranken.de und www.maennerzentrum.de. Letzteres, das Münchner Informationszentrum für Männer e. V. (MIM), ist eine Beratungsstelle und eine Selbsthilfeinitiative; noch nicht 18-Jährige verweist es an das o. g. Kinderschutz-Zentrum München. Bislang wenden sich die Selbsthilfegruppen, wie es sie auch in einigen anderen Regionen für Männer gibt (z. B. "Männer gegen Männergewalt"), ausschließlich an Volljährige. Entsprechende Entwicklungen könnten bei der Selbsthilfekoordination Bayern SeKo erfragt oder umgekehrt mitgeteilt werden.

Der auf der genannten Homepage des Bayerischen Sozialministeriums erwähnte Link www.sexualmedizin.charite.de führt zum Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin am Universitätsklinikum Charite der Humboldt-Universität Berlin. Die spezialisierte Facheinrichtung zur Diagnostik und Behandlung von sexuellen Präferenz- und Verhaltensstörungen ist bestrebt, auch durch Kooperation mit anderen Institutionen und breite Öffentlichkeitsarbeit, das Dunkelfeld zu erhellen, also bislang unbekannten Tätern oder entsprechend Gefährdeten Therapieangebote nahe zu bringen. In einem im Juni 2005 gestarteten Forschungsprojekt sollen Möglichkeiten präventiver Therapie zur Verhinderung bzw. Vorbeugung sexueller Übergriffe auf Kinder untersucht werden. Ziele sind, deutlich zu machen, dass es Männer gibt, die von sich aus therapeutische Hilfe wollen, zu zeigen, dass es zuverlässige Diagnostik und wirksame Behandlung gibt, wenn Diagnostik und Therapie sachverständig durchgeführt werden, oder z. B. auch der Vergleich von Gruppen- und Einzelsetting.

Das Bayerische Staatsministerium der Justiz entwickelt derzeit mit externen Beratern das Konzept für ein wissenschaftlich begleitetes Modellprojekt mit und in der Justizvollzugsanstalt Neuburg-Herrenwörth. Ziel ist, potentielle Sexualstraftäter durch ein Frühwarnsystem ausfindig zu machen und sie therapieren zu können. Ausgehend von der Hypothese, dass kriminelle Karrieren von Sexualstraftätern oft mit anderen Delikten starteten oder sich dahinter womöglich schon sexuelle Phantasien verbargen, sollen gefährdete Jugendliche herausgefiltert und frühzeitig in Therapie gebracht werden. Seit Juni 2005 wird das Projekt entsprechend dem work-in-progress-Konzept aufgebaut. 

Eine Facheinrichtung ausschließlich für Tätertherapie ist die 1995 von pro familia eingerichtete und vom Ministerium für Justiz, Arbeit und Europa des Landes Schleswig-Holstein geförderte Beratungsstelle im Packhaus. Sie wendet sich u. a. an in unterschiedlichsten Formen sexuell misshandelnde und grenzüberscheitende Jugendliche. Weitere Arbeitsbereiche sind die Weiterentwicklung einzel- und gruppentherapeutischer Ansätze, die Täterarbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen, die Schaffung geeigneter Kooperationsstrukturen zur externen Motivierung und Verpflichtung zur Mitarbeit sowie Anfangs- und Abschlussdiagnostik von Sexualtätern. Eine umfassende Darstellung der ambulanten Täterarbeit in Buchform ist in Vorbereitung und erscheint 2006. Einzelne Aspekte und Artikel sind erschienen in: Zimmermann u. a.: Täterarbeit, Wiss. Verlag Berlin 2001; Bange und Körner: Handwörterbuch Sexueller Missbrauch, Hogrefe-Verlag 2002; Braun u. a.: Pädosexualität ist Gewalt, Beltz-Verlag 2003.

Weitere spezialisierte und auch zu kollegialer Beratung bereite ambulante Beratungsstellen für sexuell aggressive junge Menschen sind z. B. in Bochum die Ärztliche Kinderschutzambulanz und Beratungsstelle Neue Wege zur Rückfallvorbeugung für minderjährige Missbraucher und in Münster die Ärztliche Kinderschutzambulanz.

Unter Umständen empfiehlt sich auch der Kontakt mit der Beauftragten der Polizei für Frauen und Kinder am jeweils regional zuständigen Polizeipräsidium; wobei zu berücksichtigen ist, dass sie dem Legalitätsprinzip unterworfen ist.

Hilfreich könnte gegebenenfalls auch der Kontakt zu Institutionen und Fachkräften sein, die sich speziell um Opfer sexueller oder sexualisierter Gewalt und deren Angehörige kümmern, sich häufig aber auch zur Beratung für andere Fachkräfte anbieten. Genannt seien hier zumindest der Kinderschutzbund Augsburg als hauptsächliche Anlaufstelle eines bewährten regionalen Hilfeverbundes freier und öffentlicher Träger, sowie in München etwa die Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle kibs für männliche Opfer sexueller Gewalt und die Initiative Münchner Mädchenarbeit IMMA e. V.. Ähnlich der IMMA e. V. arbeiten z. B. die Wildwasser e. V.'s u. a. in München, Augsburg, Würzburg und Nürnberg. Letzterer hat 1997 "Gegen sexuellen Missbrauch. Das Handbuch zur Verdachtsklärung und Intervention" herausgegeben, mit Ergänzung einschlägiger StGB- und StPO-Änderungen.
Auflistungen weiterer Institutionen sowie Ansprechpartnerinnen und -partner, Literatur, Arbeitsmaterialien und andere wertvolle Informationen stellt z. B. der Bayerische Jugendring zur Verfügung: PräTect - Prävention sexueller Gewalt in der Kinder- und Jugendarbeit.
Die Aktion Jugendschutz Bayern hat in proJugend 1/2005 mitgeteilt, dass sie die Arbeit im Bereich Prävention gegen sexuelle Gewalt/Sexualpädagogik aus Einsparungsgründen einstellen musste.

Erforderlichenfalls stationäre Hilfen auch für Kinder und Jugendliche, die selbst sexuell grenzverletzend agieren, bieten einige Jugendhilfeeinrichtungen in therapeutischen Gruppen. Im Raum München sind dies nach hiesiger Kenntnis das Jugendwerk Birkeneck für Jungen und Mädchen ab ca. 13 Jahre sowie das Mädchenheim Gauting für Mädchen ab 12 Jahre, im Raum Nürnberg bei den Rummelsberger Diensten für junge Menschen gGmbH in Schwarzenbruck für Jungen ab 12 Jahre und in Regensburg das Kinderzentrum St. Vincent oder in Naila das heilpädagogisch-psychotherapeutische Kinderdorf Martinsberg. Alle genannten Einrichtungen nehmen in anderen Gruppen grundsätzlich auch Opfer sexueller Gewalt auf.[5]

Auch die Clearingstellen für massiv delinquente Kinder und Jugendliche in Würzburg, Regensburg und Hallbergrnoos/Lkr. Freising können bei entsprechenden Verhaltensweisen zur umfassenden diagnostischen Abklärung sowie zur Akutintervention bei und Bewältigung von eskalierenden Entwicklungskrisen in Frage kommen (Zielgruppe prioritär 9 - 14 Jahre).

In Remchingen in Baden im Heilpädagogischen Behandlungszentrum bietet das Projekt Startrampe inner halb der Gesamtgruppe von 10 Jugendlichen 6 Plätze für sexuell übergriffige junge Menschen im Alter von ca. 14-16 Jahren an.

Gruppen speziell für sexuell übergriffige Kinder bzw. Jugendliche existieren in der Intensiv-Wohngruppe Makarenko in Ettlingen bei Karlsruhe für männliche Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren, in Welschbillig in Rheinland-Pfalz im Jugendhilfezentrum Don Bosco Helenenberg das Pinardi-Haus für Jugendliche und junge Volljährige, in Düsseldorf in der Educon gGmbH je 1 Wohngruppe für sexuell übergriffige Kinder und Jugendliche, in Dormagen südlich von Düsseldorf im Raphaelshaus für Jungen unter 14 Jahren, in Neukirchen-Vluyn am Niederrhein in der therapeutischen Interventionsgruppe Haus CONDOR im Kinder- und Jugenddorf des Neukirchener Erziehungsvereins für Kinder im Aufnahmealter von 10 - 14 Jahre, in Wuppertal im Ev. Verein für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe im Rahmen der Gewaltberatungsstelle KommAn für sexuell gewalttätige Jungen von 11-13 Jahren, in Bochum in einer sozialtherapeutischen Jungenwohngruppe im St. Vinzenz Kinderheim für bis 14-Jährige und im Ev. Kinder- und Jugendheim Overdyck die ebenfalls spezielle Jungengruppe für ab 14-Jährige, in Hövelhof südlich von Bielefeld im Salvator-Kolleg für männliche Strafmündige und in Hinrichshagen in der sozialtherapeutischen Wohngruppe für Jungen Janus am Stadtrand von Greifswald/Ostsee für 7 Jungen ab ca. 10 Jahren mit erlebtem und/oder selbst vollzogenem sexuellem Missbrauch; bei Ausstiegsmotivation auch aus dem Strichermilieu.

Zur psychiatrischen Behandlung empfiehlt sich Kontaktaufnahme mit niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatern oder den Jugendabteilungen der Bezirkskrankenhäuser. Kinder- und Jugendpsychiatrie mit je einer spezialisierten Station für 14- bis 17-j. Jungen mit sexueller Problematik existiert im Westfälischen Institut Hamm, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (offenes und stationäres Angebot; für Jüngere bislang nur in Planung) sowie in den Rheinischen Kliniken in Viersen (Nach der Krankenkassen-finanzierten Therapiephase Wechsel in die Jugendhilfe-finanzierte Entlassungsvorbereitungsgruppe).

In den bayerischen Jugendstrafanstalten "können die nach Jugendstrafrecht verurteilten Sexualstraftäter durch Anstaltspsychologen oder externe Therapeuten behandelt werden (Einzel- und Gruppenpsychotherapie sowie Gruppenkunsttherapie). Außerdem ist beabsichtigt, in der Justizvollzugsanstalt Neuburg-Herrenwörth eine sozialtherapeutische Abteilung mit 16 Haftplätzen für Sexualstraftäter im Jugendstrafvollzug einzurichten."[6] Bislang wird erforderlichenfalls in die sozialtherapeutische Abteilung der Justizvollzugsanstalt München verlegt.

In München hat sich auf Initiative der Präsidentin des Landgerichts München I und des Sozialreferenten der Landeshauptstadt München ein "Runder Tisch" mit Vertreterinnen und Vertretern der Justiz, der Polizei und der Landeshauptstadt München konstituiert. Zielgruppe sind (jugendliche, heranwachsende und erwachsene) gefährliche (Sexual-)Straftäter, bei deren Entlassung aus dem Strafvollzug eine abstrakte oder konkrete Gefährdung von Kindern und Jugendlichen zu befürchten ist. Ziel ist eine koordinierte Vorgehensweise, insbesondere ein enger Informationsaustausch zwischen allen Beteiligten (Justizvollzugsanstalt, Führungsaufsichtsstelle, Strafvollstreckungskammer, Staatsanwaltschaft, Polizei, Jugendamt sowie Dienststellen der Bewährungshilfe) zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gefahren für ihr Wohl.[7]

Hinsichtlich der Opfer sexueller Gewalt gibt es neben den erwähnten Veröffentlichungen und ambulanten Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten noch folgende stationäre Angebote:
Das Thomas-Wiser-Haus in Regenstauf hat eine spezielle therapeutische Gruppe für sexuell missbrauchte Kinder. Ebenfalls konzeptionell, wenn auch nicht ausschließlich, mit sexuell Missbrauchten und dazu in dichter Kooperation mit anderen einschlägigen Fachstellen arbeitet die Jugendwohngruppe in der Hagenstr. 5 in Nürnberg: Reine Mädchengruppe für 12- bis 18- Jährige. Desgleichen das Antonius-Kinderheim in Nennslingen: Seit September 2004 gibt es dort auch eine Mädchengruppe, in der 10 - 14-Jährige untergebracht sind, die überwiegend sexuell missbraucht wurden bzw. bei denen dieser Verdacht besteht. Auf dieselbe Zielgruppe spezialisiert hat sich das Zentrum für Jugend- und Familienhilfe der Geschwister-Gummi-Stiftung in Kulmbach; ebenso die Junge Lebensgemeinschaft in Eggolsheim im Landkreis Forchheim die - abgesehen von Jugendlichen im Betreuten Wohnen mit anschließender Verselbständigung - Kinder zwischen 4 und 15 Jahren aufnimmt, sich in einer einjährigen Fortbildung mit dem Institut für Sexualpädagogik in Dortmund (ISP) insbesondere auf die Sexualpädagogik in der Jugendhilfe spezialisiert hat und derzeit ein auf die eigene Einrichtung zugeschnittenes sexualpädagogisches Konzept erarbeitet. Spezielle Erfahrungen mit in dieser Art belasteten Minderjährigen werden auch gemeldet in Augsburg von zwei Mädchengruppen der St. Gregor-Jugendhilfe für ab Schul- bzw. ab Jugendalter, in Tutzing am Starnberger See von der Tabaluga Kinder- und Jugendhilfe für Kinder, Jugendliche und Heranwachsende, vom Jugenddorf Piusheim in Baiern bei Glonn, in Schweinfurt vom Haus Marienthal, in St. Ludwig vom Antonia-Werr-Zentrum für Mädchen ab 12 Jahre und in Oberschwarzach vom Erich-Kästner- Kinderdorf.
Je nach Gesamtkonstellation kommt eine Vielzahl weiterer Einrichtungen in Frage. So wird aus verschiedenen heilpädagogischen Kleinsteinrichtungen bzw. über sie berichtet, dass dort zunehmend von Übergriffen Betroffene aufgenommen werden, da der dortige familiäre Charakter und die überschaubaren Strukturen gerade auch für diese Minderjährigen einen günstigen Rahmen bieten und auch durch enge Kooperation mit anderen Fachdiensten und z. T. eigene spezielle Fortbildungen Erfahrungen und Fachwissen vorliegen.

Das Landesjugendamt bittet um weitere Hinweise zur Ergänzung, Korrektur und laufenden Aktualisierung der Zusammenstellung der Arbeitshilfen.

Nähere Angaben zu den erwähnten Institutionen:

Günter Wimmer

[1] Enders Ursula: Zart war ich, bitter war’s. Handbuch gegen sexuellen Missbrauch. Köln 2001.
[2] Kursiv geschriebene Institutionen: Nähere Informationen siehe Kasten am Ende des Artikels.
[3] Verantwortlich: Steuerungsgruppe "Modellprojekt Sexuell deviante Jugendliche", Tel.: 0221/569753, die@kinderschutz-zentren.org, www.kinderschutz-zentren.org/pdf/quali_sexuellgrenzverletzendenjug.pdf
[4] Das MGSFF gab ebenfalls heraus den Abschlussbericht des Forschungsprojekts "Erzieherische Hilfen für jugendliche Sexual(straf)täter" und die Dokumentation "Tätertherapie ist Opferschutz. Ambulante erzieherische Hilfen für jugendliche Sexual(straf)täter".
[5] Hierzu kann an dieser Stelle nur knapp auf die Problematik hingewiesen werden: Abgesehen von den subjektiven und objektiven Sicherheitsbedürfnissen der Geschädigten ist auch für die übergriffig gewordenen jungen Menschen ein Milieu wichtig, in dem ihr eigene Tendenz, ihr Tun und die Folgen zu verdrängen oder zu bagatellisieren, nicht verstärkt wird. Wie die Opfer mit ihren oft traumatisierenden Erfahrungen sollen auch sie sich - im jeweils geschützten Rahmen - mit ihrem Verhalten und ihren Neigungen offen und offensiv auseinandersetzen können.
[6] Antwort des Staatsministeriums der Justiz vom 30.03.05 auf die schriftliche Anfrage des MdL Christine Stahl vom 23.02.05 zu den Umständen eines Sexualmords; Landtags-Drucksache 15/3064 19.04.2005.
[7] Nähere Auskünfte hierzu erteilt auf Anfrage die Zentrale Koordinierungsstelle Bewährungshilfe der bayerischen Justiz (Richter am Oberlandesgericht Beß oder Sozialamtsrätin Koob-Sodtke) unter der Rufnummer Tel.: 089/5597-3917.

aus: ZBFS Bayerisches Landesjugendamt  Mitteilungsblatt 4/2005